Was willst du damit machen?

Tiger Tattoo

„Du studierst Sinologie?“, werde ich oft gefragt „Also mit Chinesisch und so?“ „Genau!“, sage ich. „Und was macht man später als Chineso.. Sinologe?“

Ich hole tief Luft und erkläre in zwölf Sekunden meinen Masterplan für den perfekten Job nach dem Studium: „Ich werde ein Tattoo Studio aufmachen und vertrauenswürdige chinesische Tattoos mit fairen Preisen anbieten, dazu gibt es einen kostenfreien kritischen Klingelton:

„DuIdiothastdirheuteeinTatoostechenlasseninspätestensdreißigJahrenwirstduesweitere-dreißigJahrebereuenunddannglaubjanichtdassichdirdenQuatschwiederwegmache!“

Ich hole kurz Luft… „Meinst du das ernst?“ „Na klar! Ich meine alles ernst.“, sage ich und denke „Warum kommt meine Ironie nie durch? Ich mein doch nie was ernst…“

Wie es zu diesem Berufswunsch kam?

Später viel Geld zu verdienen liegt mir fern, irgendetwas mit Menschen, nein danke, die Welt trotzdem zum Guten zu verändern wäre alternativ schon ziemlich in Ordnung.

Gedankensprung:

Ich sitze am Abend in der sinologischen Bibliothek umringt von dicken, chinesischen Schmökern und tue was man so tut als Sinologie Studentin: Viele schöne Zeichen schreiben. Wieder und wieder. Und nochmal. Stapel um Stapel. Neuer Stapel. Neue Woche, neue Wörter, neue Striche. Neue Verwirrung, neue Überforderung, noch mehr Striche, noch mehr Überforderung (…) Ich kürze das jetzt mal ab.

Ich lese: “虎” und denke an die Fahrt im Fernbus, als eine Frau mit einem chinesischen Tattoo am Hals neben mir saß, bestehend aus undefinierbaren Strichen. Sie erklärte mir bereitwillig, dass es ihr Sternzeichen sei und Tiger bedeuten würde. Mein Wörterbuch zeigte: 虎 (hǔ) „Tiger“ an und ich musste lachen, weil das Zeichen auf ihrem Hals anders aussah, als es in echt aussehen sollte. Ich frage mich wie man derartig den Chinesisch Kenntnissen eines Tätowierers vertrauen kann, der einem ja (auch noch gegen Geld) den größten Schwachsinn auf der Haut verewigen kann!

Gedankensprung zurück in die Bibliothek:

Meine Kommilitonin meinte, nachdem ich ihr die Tiger-Tattoo Geschichte erzählt habe, dass neben ihr im Europa Park im Sommer ein Dutzend Menschen standen, die sich allesamt ihren Namen (auf Chinesisch) auf den Arm hatten tätowiert lassen und es da die merkwürdigsten Namensfindungen gab. Ein Name hat auf Chinesisch immer eine Bedeutung, wenn man aber nur nach den Lauten geht um dem deutschen Namen möglichst nahe zu kommen, können wunderbare Verdrehungen und äußerst merkwürdige Bedeutungen dabei rauskommen.

Ich erzählte ihr von einem Mann, den ich im Sommer am Rheinufer gesehen hatte und der auf seinem durchtrainierten Sixpack gleich ein ganzes chinesisches Gedicht tätowiert hatte, von dem ich leider, nach einigen verstohlenen Blicken, bloß 水 (shuǐ) „Wasser“ und 火 (huǒ) „Feuer“ entziffern konnte.

WARUM ZUR HÖLLE TUT MANN DAS?

Warum lassen sich Menschen zum Beispiel 家 (jiā) auf den Nacken tätowieren? Na gut, das Zeichen ist hübsch anzuschauen und bedeutet „Familie“, aber wissen diese Menschen auch, dass da bildlich ein Schwein unter einem Dach hängt? Denn wo ein Schwein unter einem Dach hängt ist ein Zuhause: eine Familie. Will man sein Leben lang auf seinem Nacken ein Schwein unter einem Dach hängen haben?

Ich verstehe die Menschen nicht.

Ein Kommilitone, der unsere Unterhaltung verfolgt hat hält spontan einen Exkurs über die Geschichte des Tattoos in China. Früher wurden nämlich Leibeigene am Arm tätowiert und nachdem einige von ihren Herren flohen und sich dem kriminellen Milieu zuwandten, fand eine spezielle Art der Tätowierungen zu den heutigen chinesischen Mafiabanden.

Ich weiß warum ich Sinologie studiere: Es ist irre interessant, irre relevant und nur ab und zu irrelevant was ich lerne und ich werde auf jeden Fall tätowieren lernen, so wie mein Nachbar in der Schweiz, der in seinem Wohnzimmer ein Tattoo Studio eröffnet hatte und es plötzlich beständig surrte im ganzen Haus.

Ihr werdet 可乐辣椒汤 „Cola-Chilli-Suppe“ auf euren Nacken stehen haben und ich werde euch lächelnd erklären, dass das „ewige Liebe“ bedeutet. Auf Sixpaxs schreibe ich für einen kleinen Aufpreis: 我有一个大鼻子,不知道在这儿写得什么。“Ich bin eine Langnase und habe keine Ahnung was hier steht.“

Kommt vorbei und sichert euch euren gratis kritischen Klingelton!

 

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