+++++ In eigener Sache – Eilmeldung: In China ist ein Sack Reis umgefallen – Neuigkeiten des Tages +++++

Sehr geehrte Damen und Herren, Ich begrüße Sie ganz herzlich zur heutigen Tagesschau. Es spricht das kleine Kamel Jorinde 小骆驼 direkt für Sie live aus China. Ganz besonders darf ich heute einem alten Kamel gratulieren, welches bereits viele Jahre auf dem Buckel hat, mehrere Sprachen im Kopf und viele Worte auf der Zunge, mein altes Elterntier! Papa ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag. Schade dass ich auf Reisen bin, aber schön dass du ein Jahr weiser bist! Lass es dir gut gehen! 我祝你生日快乐!Mögest du durch viele Wüsten wandern und dabei stets genügend Oasen finden.

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„Hallo zusammen, ich bin das kleine Kamel! Ich trinke gerne Wasser!“

Es ist in den letzten zwei Wochen so Neues passiert, dass ich gar nicht weiß wovon ich anfangen soll zu erzählen. Ich bin nun also ein kleines Kamel, weil ich mein Trinkwasser in 4 Liter Kanistern kaufe und unfassbar viel trinke am Tag. Meine flauschigen Ohren haben sich schon sehr an Chinesisch gewöhnt und ich laufe unbeirrbar durch Shanghai. Manchmal werde ich aufgrund meines blondes Fells angeschaut, dann lächel ich jeweils konsequent zurück.

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Sommer, Sonne, Sonnenschirm

Ich habe sehr viele nette Menschen getroffen, neue Dinge erlebt, habe viele Geschichten zu erzählen und ich versuche all das mit Fotos und kleinen Anekdoten hier auf dem Blog einzufangen, bevor der Wahnsinn der ersten Tage sich in einen Alltagstrott verwandelt und mir alles sehr bekannt und nicht mehr erwähnenswert vorkommt.

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Ein lustiges Bild, weil ich weiß dass Leser schnell gelangweilt sind von reinem Text. Ertappt?

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Und weil es so schön war gleich noch eins! Jetzt aber weiter im Text…

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Nun sind alle Leser gewarnt!

Es geht mir also wie man unschwer erkennen kann gut, auch wenn ich große Bedenken hatte vor dieser Reise ins Ungewisse. Nicht alles ist einfach, aber dafür bin ich ja auch nicht hier. Ich mag Herausforderungen! 

Da mein Geburtstagsbrief an das alte Kamel in der Schweiz wohl mit einigen Tagen Verspätung ankommen wird, werde ich hier seine 14 Fragen an mich beantworten. Ich muss dazu sagen, dass es sich um eine ganz besonders neugierige Spezies von Kamel handelt, denn mittlerweile sind die Fragen noch zahlreicher geworden! Danke dafür! Wer mir übrigens Briefe schreiben möchte, der darf das gerne tun! Ich liebe Briefe und werde mit viel Freude zurückschreiben! Hier ist meine Anschrift in Shanghai:

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Die Adresse: 四平路 1239 号 2 层 209 室同济大学留学生楼 1 号楼 Jorinde Wiese

Ich wohne direkt auf dem Campus der Tongji Universität in Shanghai. Die Stadt ist riesig, der Campus auch, aber zum Glück habe ich ja lange Beine, einen langen Hals und eine lange Nase. Außerdem hat doch schon Oscar Wilde gesagt:

„Wer ein Kamel als Freund hat, der hat auch mit Sicherheit eine Giraffe als Nachbarn. Nee.. Moment mal. Wie ging der Spruch nochmal? Ach ich kann mir diese Sprüche immer so verdammt schlecht merken.“

-Oscar Wilde- 

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Ohne lange um den heißen Brei herumzureden komme ich nun zu den 14 Fragen des alten Kamels. Mögest du dir die Antworten auf deiner Kamelzunge zergehen lassen.

Et voilà:

  1. Wie ist dein Zimmer? 

Mein Zimmer ist sehr geräumig und ich habe Ausblick auf einen kleinen Park mit Bäumen und einem Seerosenteich. Hör auf zu träumen Jori. Nein. Es ist recht klein, der Ausblick auf das hässliche Gebäude gegenüber ist nicht erwähnenswert, aber zum Glück teilen wir uns das Zimmer nur zu zweit und dank dem Hochbett hat man immerhin ein bisschen Privatsphäre. Am Anfang kam ich mir vor wie in einer Hobbithöhle, da alles wirklich ziemlich klein ist und ich sehr groß, aber mittlerweile fühle ich mich wohl. Es ist kein Platz für Unordnung da, dafür ist es zu klein, aber es hat alles was man zum Leben braucht.

Die chinesischen Studenten teilen sich mit mindestens 4 Leuten das Zimmer und müssen lange bis zur Dusche laufen. Da können wir doch froh sein, dass all das inklusive und im Zimmer ist. Generell geht es im Ausländerwohnheim sehr unkompliziert zu. Wir sind nicht einmal nach Frauen und Männern getrennt, niemand kontrolliert die Zimmer und man hat seine Ruhe. Bis ein paar Studenten laut grölend nachts von einer Party züruckkommen, aber das ist wohl noch ein Überbleibsel europäischer Trinkkultur. Da wünsche ich mir manchmal im chinesischen Wohnheim zu sein, aber da sind die hier strikt dagegen.

Den Ausländern soll ein hoher Standard garantiert werden. Dass manche gerne auf den Standard verzichten würden und lieber unter Leute kommen wollen, wird nicht akzeptiert. Es kann aber auch daran liegen, dass es so wenige Wohnheimsplätze für Chinesen gibt. Wenn da auch noch Ausländer wohnen wollten, wäre es sicher noch viel schwieriger die Zimmervergabe zu organisieren.

  1. Wer ist deine Zimmernachbarin?

Meine Zimmernachbarin ist sehr nett, sie heißt Jannat und kommt aus Kirgisistan. Sie hat hier bereits ein Semester studiert und kennt sich somit schon ganz gut auf dem Campus aus. Das Internetproblem und die Klimaanlage habe ich jedoch eigenhändig am ersten Tag hier in Ordnung bringen müssen, da ich im Gegenteil zu ihr keine Angst habe mich mit Händen und Füßen mit den Technikern auf Chinesisch zu unterhalten. Wir verstehen uns gut und ich hoffe das bleibt so, denn Platz für Streit ist nicht. Platz zum Ausweichen erst recht nicht.

  1. Hast du nur Kurse bis Mittag?

Bislang habe ich nur Unterricht von 8:00-12:00 und das erinnert mich sehr an alte Schulzeiten. Ich bin sehr froh darüber, auch wenn man manchmal morgens in der Früh keine Lust hat. Es gibt jedoch noch zusätzliche Angebote wie einen Kalligrafie Kurs oder spezielle Vorbereitungen für die HSK Prüfungen (ein Chinesisch Zertifikat). Ich finde aber dass der intensive Unterricht am Vormittag durchaus ausreichend ist. Mehr würde in meinen Kopf nicht reingehen und Hausaufgaben haben wir auch genügend, ganz zu schweigen von all den neuen Vokabeln und Grammatik Regeln…

Ich bin freiwillig in den D-Kurs gegangen (Die Niveaus gehen von A = Anfänger bis G = Muttersprachlerniveau) und deshalb bin ich gut gefordert. Das ist aber auch sinnvoll, denn spätestens in ein paar Monaten würde ich mich sicherlich in dem C-Kurs langweilen und solange ich dem Unterricht folgen kann und viel dazu lerne bin ich gerne in diesem Kurs.

  1. Habt ihr eine Klimaanlage im Zimmer?

Ja wir haben eine Klimaanlage im Zimmer, die wie gesagt erst einmal repariert werden musste. Meine Zimmernachbarin reagiert jedoch allergisch darauf, mit tränenden Augen und so weiter, daher nutzen wir sie lediglich um die Luft im Zimmer ab und zu abzukühlen. Nachts bleibt die Klimaanlage aus und oben im Hochbett ist es kuschelig warm und die Luft stickig, aber ich werde es überleben.

  1. Ist es auch nachts heiß? (Anmerkung des kleinen Kamels: Du stellst aber viele Fragen!) 

Es kühlt schon etwas ab am Abend, aber wenn es am Tag heiß war, dann ist es auch nachts heiß. Kein Wunder waschen die Studenten hier so oft ihre Bettwäsche, es ist einfach hygienischer. Übrigens werden die Sachen dann über Parkbänken in der Sonne getrocknet, oder gelüftet. Ich glaube das mache ich auch mal, außerdem sieht es lustig aus.

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Trocknende Wäsche in der Sonne auf dem Campus

  1. Ist der Himmel immer noch blau?

Erstaunlicherweise ja! Mir wurde gesagt, dass aufgrund des G20 Gipfels einige Fabriken abgestellt wurde und dadurch der Smog abgenommen hat. Warum auch immer, aber der Himmel ist trotzdem noch blau und ich freue mich über jeden Tag an dem ich den blauen Himmel sehen kann. Wenn es nur grau weiß bewölkt ist, dann fehlt mir etwas.

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Wenn das kein blauer Himmel ist!

  1. Hast du einen Kühlschrank im Zimmer oder in der Gemeinschaftsküche?

Wir haben tatsächlich einen Kühlschrank im Zimmer, aber nur weil irgendein Student vor unserer Zeit im Wohnheim diesen Kühlschrank gekauft hat. Dem Himmel sei Dank! In diesem Wohnheim gehört ein Kühlschrank nicht zur Ausstattung, es gibt ein anderes Gebäude und dort ist es immer inklusive. Ich bin heilfroh darüber, weil ich so morgens Müsli mit Joghurt und Früchten essen kann und nicht gleich alles kaputt geht.

Wir haben eine Gemeinschaftsküche, die jedoch nur aus einer Kochplatte und einer Mikrowelle besteht. Wunderwerke kann man da nicht zaubern! Es gibt eine Elektrizitätskarte, wenn man dort kochen möchte. Lustigerweise kosten wenige Minuten nicht einmal einen Yuan, man zahlt also minimale Cent-Beträge und hat trotzdem eine Karte dafür. So ganz verstehe ich das System nicht. Vielleicht hat einmal ein Student 24 Stunden am Tag Popcorn gemacht, oder irgendetwas gekocht und seitdem muss man selbst dafür aufkommen. Ich weiß es nicht.

  1. Wie lange musst du zum Kurs laufen?

Erst dachte ich, dass die International School, in der wir unsere Sprachkurse haben, nur einen Katzensprung vom Wohnheim entfernt ist. So sah es zumindest auf der Karte aus, aber ich hatte vergessen, dass der Campus riesig ist. Mein Weg zum Kurs ist ziemlich genau 1.8 km lang. Ich habe nicht meine Schritte gezählt, aber ich habe eine Uhr, die das kann und wenn ich morgens trödel, dann komme ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu spät zum Unterricht.

  1. Wie viele Leute sind im Kurs?

Wir sind offiziell 23 Leute, aber da wir bis zu 40 Fehlstunden haben dürfen ohne dass uns etwas passiert, gibt es ein paar die ich nie sehe. Die Leute die jedoch anwesend sind, sind alle sehr nett, kommen aus verschiedenen Länder, haben unterschiedliche Niveaus und insgesamt ist die Atmosphäre in der Klasse sehr locker und lustig.

10. Wie ist der Unterricht? Frontal? Dürft ihr auch was sagen?

Ehrlich gesagt hatte ich mit Frontalunterricht gerechnet, 40 Leute in einem Raum, der Lehrer redet und wir sprechen nach, oder so ähnlich. Das Gegenteil davon ist eingetreten! Bislang sind alle Lehrerinnen sehr nett, sehr motiviert und sehr unterstützend. Sie fordern uns und wollen dass wir viel Chinesisch sprechen, unsere Hausaufgaben machen, Vokabeln lernen etc. aber selbst der Grammatik Unterricht ist sehr locker und macht Spaß. Ich habe das Gefühl, dass wir hier einfach viel mehr Zeit für den Unterrichtsstoff haben! An der Uni ist immer so viel Druck mit dem Stoff durchzukommen und hier haben wir genügend Zeit auch mal ein Musikvideo anzuschauen, oder viele Beispielsätze zu machen. Das ist toll und damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.

11. Wo kommen die anderen Teilnehmer her?

Es sind einige Koreaner und Japaner bei uns im Kurs, aber auch Deutsche, ein Amerikaner, eine Französin und andere Nationalitäten (Jemen, Togo, Griechenland, Ecuador etc.) Mit ein paar Ausnahmen lernen wir alle seit ungefähr 2 Jahren Chinesisch, manche waren bereits länger in China, andere sind zum ersten Mal hier. Ich glaube wir ergänzen uns alle sehr gut.

12. Wer kontrolliert deine Hausaufgaben? (Anmerkung des kleinen Kamels: Du stellst aber unnötige Fragen.)

Jeden Abend müssen wir uns unten in einer Reihe aufstellen mit unserem Studentenausweis und jeweils 5 Lehrer stempeln unsere Hausaufgaben. Wer sie nicht gemacht hat muss in der Kantine die Teller waschen, oder andere Ämter übernehmen. Nein Quatsch. Ich weiß noch nicht was passiert, wenn man keine Hausaufgaben macht, da der Unterricht erst vor wenigen Tagen begonnen hat. Ich habe jedoch von Jannat gehört, dass die Hausaufgaben oft eingesammelt werden und der Lehrer sich alles einzeln anschaut. Was für ein Aufwand! Ich glaube aber, dass wir im Prinzip selbst verantwortlich sind, ob wir nun machen was wir machen sollen, oder nur unsere Zeit absitzen im Kurs und ansonsten bloß Party machen. Falls du damit indirekt fragen willst ob ich denn meine Hausaufgaben ordentlich erledige: Ja Papa.

13. Wo warst du laufen: In einer Indoor Halle?

Am ersten Tag an der Uni hatte ich abends noch zu viel Energie und bin draußen joggen gegangen. Durch Zufall lief eine Chinesisch barfuß und joggend an mir vorbei und ich fand das lustig und bin ihr gefolgt. Dadurch habe ich im Dunkeln die Laufbahn entdeckt, die jedoch von einem hohen Zaun umgeben ist. Als niemand auf meine Rufe reagiert hat, wie man denn da reinkommt, bin ich selbst im Dunkel über eine Wiese getappt und habe eine große Treppe gefunden. Abends laufen da immer einige Studenten, andere sitzen aber auch nur auf der Tribüne und unterhalten sich.

      14. Schickst du uns ein Foto von deinem Zimmer? (Anmerkung des kleinen Kamels: Die folgenden Sätze sind bloß faule Ausreden. „Ich muss erst einmal aufräumen.“, wären entwaffnend ehrliche Worte!)

Na klar das mache ich, aber es ist so klein dass ich wohl mehre Fotos schicken muss. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, denn selbst in dem anderen Wohnheim mit höherem Standard gibt es Zimmer, die sehr heruntergekommen sind. Bei uns sehen die Wände einigermaßen ordentlich aus und auch wenn alles sehr klein ist, kann man sich doch wohl fühlen. Und das ist doch die Hauptsache!

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Danke fürs Lesen bis hierhin- Lesen ist anstrengend, ich weiß! 

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Aber weißt du was noch viel anstrengender ist? Chinesisch Lernen…

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Da steht: Vorsicht Kopf! Ich muss immer aufpassen, sonst ist der Kopf voll Kokosnuss.

Auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal 🙂

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Ich verabschiede mich nun und wünsche dem alten Kamel einen schönen Tag und schicke viele liebe Grüße in die Schweiz! Hoffentlich hast du dort viel frisches Wasser und einen leckeren Kuchen! Den anderen Lesern wünsche ich viel Sonnenschein! Lasst es euch gut gehen da draußen, am anderen Ende der Welt. Ich vermisse vieles, bin aber auch gut dort angekommen, wo ich jetzt bin. Schreibt mir gerne!

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Liebe Grüße aus Shanghai,

Jori 🙂