Zum Sterben bitte links entlang

20161014_185357.jpg

Von der Bühne in die Notaufnahme

An einem Abend in Shanghai überschlugen sich die Dinge. Gerade noch hatte ich bei einem riesigen Treffen mit ungefähr 200 Chinesen und Ausländern ausgelassen zu Shakiras „Waka Waka This time for Africa“ getanzt, eifrig Wechat Kontaktdaten ausgetauscht und dabei zwei Mädchen getroffen, die von mir mit möglichst großen und gut aussehenden Ausländern verkuppelt werden wollten. Ich traf einen Nicolai von dem ich aufgrund des Namens dachte er könnte Däne sein, doch er kam wie so viele andere hier auch aus Deutschland.

20161014_190230.jpg

Laute Musik und viel Geschrei

Die Stimmung war sehr gut an diesem Abend, auch wenn es äußerst 热闹 (laut und lebendig) war und mir fast die Ohren abgefallen sind bei der Lautstärke der Mikrofone und der Musik, die im Hintergrund lief. Eine Gruppe Ausländer fand sich zusammen um zu dem Lied 小苹果 (kleiner Apfel) zu tanzen, doch ich lehnte dankend ab. Dieser zweite Tanz hätte mir an diesem Abend wohl endgültig den Rest gegeben.

20161014_200848.jpg

Plötzlich ging alles schnell

Wenige Stunden später ging es mit dem Taxi in die Notaufnahme des nächsten großen Krankenhauses in der Nähe der Uni. Geplant war das nicht und Spaß hat es auch keinen gemacht und um es vorweg zu nehmen: Ich bin auf dem Weg der Besserung, keine Sorge! Ich bin unglaublich dankbar, dass ich an diesem Abend und der darauf folgenden (langen) Nacht nicht alleine war, sondern begleitet wurde von einer guten Freundin und einem Chinesen, der seine Hilfe angeboten hatte ohne mich zu kennen, doch selbst unser chinesische Freund war mit der Organisation im Krankenhaus heillos überfordert.

20161015_171050.jpg

Zum Sterben bitte nach links

„Zum Sterben bitte nach links in Zimmer 312 ah nee.. doch nach rechts, aber dann bitte noch ein Stockwerk höher und überhaupt müssen sie das erst Mal bezahlen.“, sagt die Dame an der Rezeption.

„Ich will hier nicht sterben.“, sage ich.

„Ach sie wollen leben? Ja wenn das so ist, nun dafür müssen sie erst einmal eine Nummer ziehen, die Rolltreppe nehmen, dort Schlange stehen, danach wieder runterlaufen (ab Mitternacht funktioniert die Rolltreppe nicht mehr) dort bezahlen, mit dem Beleg wieder hoch, im Flur Schlange stehen und vor 8 Leuten untersucht werden. Danach runter, bezahlen, hoch Medizin holen und ins gegenüberliegende Gebäude laufen um dort die Infusion zu bekommen.“

„Nichts leichter als das.“, sage ich und bin froh, dass ich noch laufen kann.

Ich erweiterte meine Not To Do Liste an diesem Abend um folgenden Punkt:

Not To Do Liste in China:

  • Ein Krankenhaus betreten

Bravo. Geschafft. Nicht.

Es gibt noch sehr viel zu sagen zu diesem Abend, doch das sind hauptsächlich weniger unterhaltsame Dinge, traurige Beobachtungen und es bleiben viele offene Fragen. Diese eine Nacht im chinesischen Krankenhaus hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen kann, dass ich aus einem Land komme in dem das Gesundheitssystem funktioniert und der Standard in Krankenhäusern weitaus höher ist als hier.

McDonalds im Krankenhaus

Einzig der Lieferbote von McDonalds, ein kleines Mädchen mit einer Plastikpistole die laute Science Fiction Geräusche machte und eine Frau, die im Hello Kitty Scooter ins Krankenhaus gefahren kam waren willkommene Ablenkung an einem sonst sehr tristen Abend.

20161014_234357.jpg

********************** THEMAWECHSEL *************************

20161005_192702.jpg

Brot, Brot, Brot

Ich dachte es sei ein Vorurteil, dass Deutsche gerne Brot essen. Im ersten Semester lernten wir im Chinesisch Unterricht 面 (Nudel) und meine Lehrerin schrieb 面包 (Brot) an die Tafel und sagte dazu: „Merken Sie sich das, denn Sie essen doch alle gerne Brot.“ Eine Chinesische Freundin sagte einmal genervt: „Brot, Brot, jeden Tag gibt es in Deutschland Brot. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen, aber jetzt mag ich Brot und Brötchen!“

–  In Gedanken fliegt ein Mohnbrötchen vorbei –

Ich dachte wirklich, dass die Sache mit dem Brot ziemlich aus der Luft gegriffen sei, bis ich eines Tages nach knappen 1 1/2 Monaten in Shanghai wie verzückt vor dem Brotregal eines großen Supermarktes stand und mit leuchtenden Augen das Wort „Vollkorn“ las. Es stimmt also doch, ein Teil von mir vermisst gutes Brot so sehr wie die frische Luft, das Leitungswasser und meinen Hund. Frisches Brot. Damit könnte man mich gerade sehr glücklich machen.

20161018_150534.jpg

Ob das Brot so gut schmeckt wie es aussieht wage ich stark zu bezweifeln

Auch andere Lebensmittel ließen mein Herz höher schlagen. Apfelmus, Studentenfutter, Ritter Sport Schokolade, Lakritzschlangen, Salatsoße und ich weiß nicht was schlimmer ist: Diese Dinge nicht zu essen, oder sie zu kaufen, weil sie hier doppelt und dreifach so viel kosten wie zuhause.

20161018_150626.jpg

Ich liebe dich wie Apfelmus… 

20161018_145740.jpg

Seeberger in China 

5613db8f918d94696e3366e4fc779a2b.jpg

Ritter Sport in China 

Jori, zeig ihnen Hachez!

An einem Tag stand ich mit Catherine vor dem Schokoladenregal eines anderen Supermarktes und wir schauten uns mit großen Augen die Ritter Sport Tafeln und die Hachez Schokolade an. Ich erzählte ihr, dass bei meinen Eltern einmal ein ganzer Bus voller chinesischer Touristen vor einem Edeka parkte und die große Gruppe Chinesen dort regelrechte Schokoladen Hamsterkäufe machten. Das Regal mit der Lindt Schokolade war nach kurzer Zeit wie leergefegt und meine Mutter meinte zu mir: „Geh mal zu ihnen hin und zeig ihnen die Hachez Schokolade! Die ist doch viel besser! Lindt Schokolade schmeckt gar nicht gut im Vergleich.“ Ich konnte damals noch kein Chinesisch und wildfremden Touristen mit der Hachez Schokolade unter der Nase rumzuwedeln kam mir komisch vor, auch wenn sie wirklich ausgezeichnet schmeckt.

1Hachez.jpg

Hachez Schokolade (dies ist keine Schleichwerbung!)

Der Chef ist auch da

Plötzlich sprach uns im Supermarkt ein Mann in perfektem Englisch an und fragte ob wir aus Deutschland kommen, er hätte den Online Shop des Supermarktes designt und sei gerade auf Inspektion, ob wir Verbesserungsvorschläge hätten. „Dunkle Hachez Schokolade.“, sagte ich ohne lange nachzudenken „Zartbitter.“, fügte ich hinzu. Kurz darauf bat er um ein Foto, wie hätte es auch anders kommen können und stellte uns seinem Chef vor, der auch auf Inspektion war. Uns wurde erklärt, dass er ein wichtiger Mann sei und viele Supermarktketten in ganz China besitzt. So kann man beim sehnsüchtigen Schokolade angucken in China wichtige Menschen treffen (und dabei lustige Fotos machen).

343638de4bbdc9567d3b56239e568419.jpg

Das wiederum gilt als Schleichwerbung… Verzeiht!

Jammer Jammer Jammer

Natürlich vermisse ich viele Dinge von zu Hause, nicht nur Essbares versteht sich, aber gerade das gewohnte Essen fehlt einem mit der Zeit sehr. Ich weiß, dass ich auf hohem Niveau jammere und ich bin mir bewusst, dass all das Verlangen nach Dingen nur entsteht, weil sie mir davor so selbstverständlich zur Verfügung standen, wie beispielsweise frische Milch, Brot oder Schokolade. Unsere Wohlstandsgesellschaft ist alles andere als selbstverständlich und dafür verzichte ich auch gerne auf die Dinge, die ich zuhause gerne esse. Lecker Essen gibt es auch hier, das steht außer Frage, nur eben nicht genau die Lebensmittel mit denen ich aufgewachsen bin.

20161016_112134.jpg

So sieht zum Beispiel mein Frühstück aus, improvisiertes Müsli mit Papaya und Grüntee. Es fehlt: Das Mohnbrötchen, ich liebe Mohnbrötchen!

20161012_074651.jpg

Oder Drachenfrucht, wenn es schnell gehen muss. 🙂

20161012_133726.jpg

Außerdem noch lecker: Warme Sojamilch und frischer Apfel Karotten Saft von BaoBao

20161014_181739.jpg

Heissi Maroni (wie man in der Schweiz sagt)

Es gibt sogar Esskastanien! Nur leider sind sie nicht angeschnitten und deshalb furchtbar schwer zu knacken. Lecker sind sie trotzdem und sie erinnern mich an nasskalte Wintertage zuhause und an das Gefühl, dass bald Weihnachten ist.

Miau Miau 瞄瞄

20161017_115335.jpg

Ich verabschiede mich nun mit einem kleinen Ausblick auf unsere Campus Katzen, die sich auf der Katzeninsel pudelwohl fühlen und viele kleine Baby Katzen großziehen.

Kuschelkatzen

20161013_091252.jpg

Bald kommt der Winter, ich ziehe mich warm an.

20161015_155551.jpg

Liebe Grüße in die Welt aus Shanghai! Bleibt gesund und munter!

Jori 🙂

3 Gedanken zu „Zum Sterben bitte links entlang

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.