#FemalePleasure im Kino

Ein neuer Film kommt in die Kinos und er rüttelt wach: Female Pleasure ist eine Dokumentation von Barbara Miller über fünf Frauen aus fünf verschiedenen Weltreligionen, die sich für Aufklärung und sexuelle Selbstbestimmung der Frau einsetzen. Mehr dazu im Interview mit der Autorin und Regisseurin des Films.

femalePleasure

Der Kinostart des Filmes ist am 8. November 2018.

Ein guter Zeitpunkt um Mut zu tanken vor dem Auftritt beim Kleinkunstpreis. Denn wenn ich ehrlich bin, dann fürchte ich mich ziemlich vor den Dumpfbacken in dieser Welt, die nicht zuhören und nicht verstehen wollen. Ich fürchte mich vor den Extremisten aller Seiten, welche die Sexualität der Frau am liebsten wegschneiden würden. Vor diesen Leuten habe ich Angst, weil man mit ihnen nicht vernünftig reden kann… und doch weiß ich, dass ich meine durchaus privilegierte Situation ausnutzen muss.

Ich kann schauspielern, ich habe eine Familie und Freunde die mir den Rücken stärken und ich habe mit allen Frauen Schreibkontakt gehabt, die selbst etwas verändert haben: Prof. Helen O’Connel, Urologin und „Entdeckerin“ der Klitoris 1998, Dr. Laurie Mintz, Autorin des Buches „Becoming Cliterate“, Odile Fillod, Wissenschaftlerin und Entwicklerin des 3D Modells der Klitoris und Hilde Atalanta, Illustratorin und Autorin der Vulva Gallery.

Sie alle schrieben ich solle nicht aufgeben und das werde ich auch nicht, denn ich habe Ideen, neue Ideen wie die des geflügelten Einhörnchens, welche die Welt ein kleines bisschen besser machen könnten.

Geflügeltes Einhörnchen

Innerlich bereite ich mich auf einen großen Sturm vor. Mein Programm beim Kleinkunstpreis am 11. November 2018, sei es noch so klug und humorvoll in Einhörnchen Format verpackt, wird provozieren. Denn ich spreche aus, was wissenschaftlich zwar längst belegt, kulturell aber noch nicht bei allen angekommen ist.

Die Wahrheit kann niemals zu weit gehen.“, sagte Dr. Mary Steichen und sie hat Recht.

UNITV

Eine Umfrage auf dem Campus

Letzten Mittwoch habe ich mit zwei Redakteurinnen von UniTV eine Umfrage auf dem Uni Campus in Freiburg gemacht. Von 16 Studierenden konnten nur drei die Klitoris identifizieren, als ich ihnen eine schwarz-weiß Zeichnung und das 3D Modell der Klitoris zeigte, davon waren zwei Männer. Die anderen rieten wild drauf los: „Vogel, Kürbis, Kleiderhaken, Pokémon, Qualle, Kunst.“ Keiner hatte von ihnen hatte die Klitoris je gesehen.

Naja, das ist ja auch nicht verwunderlich… Würde man eine Leber in 3D ausdrucken, dann würde das auch niemand erkennen.“, sagt jemand. „Mag sein.“, antworte ich. „Nicht jeder weiß wie eine Leber aussieht, nicht jeder weiß wie eine Lunge, oder eine Bauchspeicheldrüse aussieht, aber jeder weiß dafür wie ein Penis aussieht. Dein Leber Vergleich hinkt.“ „Ja gut, aber keiner würde zum Beispiel eine ausgedruckte Prostata in 3D erkennen. Das musst du doch zugeben.“ „Das mag auch sein, aber trotzdem würde immer noch jeder einen Penis erkennen.“

Ja, aber von der Prostata hört man bei der männlichen Anatomie nie etwas. Das beschränkt sich doch auf Penis und Hoden.“ „Naja… Da frage ich mich welches Anatomiebuch du aufgeschlagen hast, die Prostata war mir jedenfalls als Frau bekannt: Prostata Krebs, Prostata Massage. Man hört doch so einiges. Sicher, es gibt auch dort noch Aufklärungsbedarf, aber offensichtlich leben viele Männer eine erfüllte Sexualität ganz ohne ihre Prostata jemals gespürt zu haben. Frauen, die ihre Klitoris nicht kennen und nicht mit ihrer Funktion vertraut sind, können das nicht behaupten.“ „Hör auf solche gewagten Thesen in den Raum zu stellen!“ „Ich fange gerade erst an.“

Die Tatsache, dass niemand die Klitoris identifizieren kann liegt doch eindeutig daran, dass man sie einfach nirgendwo als Zeichnung gesehen hat.“, sage ich. „Da magst du Recht haben, aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass man nur den von außen sichtbaren Teil zeichnet.“

KlitorisKarrikatur

Quelle: Tagesanzeiger vom 29.10.2018 (S.12)

Wenn man nur den sichtbaren Teil zeichnen würde, dann wäre es eine winzig kleine Erbse und kein merkwürdiger Haken, der wie ein Wurmfortsatz aussieht. Es ist nicht so schwer die Klitoris in voller Größe zu zeichnen, wenn man will.“

Ende des Gesprächs.

Wie wäre es denn, wenn alle Männer nur von 2 Zentimeter ihres Penis wüssten und der Rest im Körperinneren verborgen wäre? Würde man dann plötzlich aufhören, das innen liegende Organ zu zeichnen? Wie wäre es, wenn man beim männlichen Orgasmus plötzlich Kategorien einführen würde wie: „Das war jetzt zu 20 % ein Prostata Orgasmus 70 % gehen auf die Stimulation des Penis zurück und 10 % kommen von fantasievollen Gedanken.“

Es wäre BESCHEUERT! Genau so bescheuert wie die Klitoris nicht in ihrer vollen Größe zu zeichnen und genauso bescheuert wie zwischen einem vaginalen und klitoralen Orgasmus zu unterscheiden, obwohl jede Art von Orgasmus im Endeffekt die Klitoris zu orgastischen Zuckungen bringt.

2018 Freiburg im Breisgau

Anders als in Japan komme ich nicht hinter Gitter, weil ich die Klitoris Im FreiLab in 3D ausgedruckt habe. Ich dürfte sogar einen Abdruck meiner Vulva in ein Museum stellen, wenn ich es wollte.

klitoris3d.jpg

Die Klitoris im 3D Druck

Anders als die japanische Künstlerin Rokudenashiko werde ich auch nicht ins Gefängnis kommen, falls ich jemals Lust hätte die Form meiner Vulva als Kajak auszudrucken und in ihm den Rhein runter zu paddeln.

Anders als viele Frauen in dieser Welt muss ich keine Angst davor haben beschnitten und damit grausam verstümmelt zu werden.

Anders als viele Frauen werde ich niemals auf den Wahnsinn der sogenannten „Schönheitsindustrie“ reinfallen und mir die Vulvalippen verkleinern lassen, einen G-Punkt spritzen lassen, oder die Klitoris Vorhaut entfernen.

In mir ist Wut. Wut darüber wie viel schief läuft. Wie viel Ungleichheit beim Thema Sexualität herrscht. Das fängt bei unvollständigen Zeichnungen der Klitoris in Anatomiebüchern an und wird bei Gesprächen aufhören in denen ich die Klitoris verteidige. Als ob es irgendetwas zu verteidigen gäbe. Als ob es nicht krass genug ist, dass dieses Organ in seiner vollen Größe so rigoros aus unserem Weltbild gelöscht wurde und noch heute grausam verstümmelt wird.

Es ist Zeit etwas zu verändern und ich werde mein Bestes geben das zu tun. In allen Sprachen die ich fließend spreche, bis das Wissen über die Klitoris über alle Kontinente schwappt.

Wenn ich einmal Großmutter bin, dann hoffe ich, dass man die Klitoris so selbstverständlich erkennt wie man einen Penis erkennt. Ich wünsche mir, dass Frauen mit einem neuen Selbstverständnis der eigenen Sexualität aufwachsen. Ich wünsche mir, dass sie sich durch das Wissen der Vulvavielfalt immer schön fühlen werden und den Schönheitschirurgen die Kundinnen weglaufen.

Ich wünsche mir, dass Genitalverstümmelung eine grausame Praktik der Vergangenheit sein wird. In China hat man Frauen bis ins 20. Jahrhundert die Füße gebrochen und zusammengebunden, sodass sie ihr Leben lang verkrüppelt waren:

„Tradition.“ Auch das hat ein Ende gehabt.

Die Welt war einmal eine Scheibe, heute ist sie eine Kugel.

Die Klitoris war einmal eine Erbse, heute ist sie ein Organ.