Warum Vulva Watching die Welt verändert

Vulva, Schnitzelbrötchen, Penis

Seit dem Sommer beschäftige ich mich im Rahmen meines Buchprojektes mit weiblichen Tabuthemen und stolperte dabei mit Karacho über meine eigene Vulva. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich innerhalb weniger Monate eine regelrechte „Vulva Transformation“ durchmachen würde: Von einer Frau, die nichts als Scham mit der eigenen Vulva verband, hinzu einer Frau die öffentlich über die Vulva schreibt um sie ein für alle Mal zu enttabuisieren! „Hallo Vulva, hier Welt!“ Wir brauchen Vielfalt und keine Tabus! Damit Vulven so normal werden wie Schnitzelbrötchen oder Penisse, brauchen wir Abbildungen. Ganz, ganz viele davon!

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Das ist mir zu kompliziert

Ich musste mir während des Schreibprozesses eingestehen, dass ich keine Vulva zeichnen konnte. Diese Einsicht verblüffte mich. Wie konnte ich in meinem Buch darüber schreiben, dass viele Frauen ihre eigene Anatomie nicht kennen und dabei selber Vulva-Analphabetin sein? Als ich das 3-D Modell der Klitoris ausdruckte, schaute mir eine Frau über die Schulter und sagte: „Wie die Klitoris aussieht, das weiß ich, aber der Rest… nee… Das ist mir viel zu kompliziert!“ Zu kompliziert?! Warum denn? Kompliziert, das ist so ein Wort das ich gerne überflüssig machen würde. Frauen sind nicht per se kompliziert, weibliche Orgasmen sind es auch nicht, Vulven erst recht nicht. Ich finde es mittlerweile übrigens weitaus komplizierter Nasen, Ohren, oder Augen zu zeichnen als Vulven. Die sind nämlich von Natur aus unfassbar vielfältig in ihrer Form. Da kann man gar nicht so viel falsch machen!

Würde ich meine erkennen?

Während meinen Recherchen zum Buchprojekt entdeckte ich das Kunstprojekt „The great wall of vagina“. Dort werden unzählige Vulven-Gispabdrücke ausgestellt. Eine der Frauen, die Modell gestanden hatte, schaute sich bei der Ausstellung alle Abdrücke an und sagt, dass es sich komisch anfühlt, dass Leute vor den Abdrücken Selfies machen: „Auch wenn ich nicht genau weiß welche meine ist.“ Plötzlich sagt sie leicht verschämt, aber auch mit einem Grinsen im Gesicht: „Aber ich glaube ich weiß es.“ (16:27)

Würde ich meine erkennen?“, fragte ich mich im selben Moment und beantwortete die Frage mit einem klaren „Nein. Niemals.“ Krass. Das musste ich erst einmal überprüfen und ich glaube, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meine Vulva mit unverhohlener Neugier betrachtete anstatt mit Ekel. So sah sie also aus. Richtig warm wurde ich mit ihrem Anblick aber nicht an diesem Tag. Das sollte sich ändern!

Was war es, was so tief in mir eine Ablehnung meines eigenen Geschlechtsteils hervorrief? Und warum bin ich damit nicht alleine?

In dem Workshop „aufbegehren! Radikale Selbstliebe!“ steigen die Workshopleiterinnen Lynn und Stella mit genau dieser Frage ein: Woher kommt die Scham, die wir in unseren Körpern tragen? „Wofür schämt ihr euch?“ Eine Teilnehmerin antwortet ziemlich spontan, dass sie sich für ihre inneren Vulvalippen schämt. Die wären zu groß und nicht schön und während sie das erzählt bricht ihr die Stimme weg und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Die Scham sitzt tief. So tief, dass wir sie manchmal nicht spüren, außer wir lassen sie zu, reden über sie, oder zeigen sie ganz offen.

Nach mehreren intensiven Workshop Stunden lassen wir die Hüllen fallen. Freiwillig. Weil dieser Workshop ein Ort ist, an dem wir der Scham ins Gesicht schauen und ihr die Stirn bieten. Wir fühlen uns sicher in diesem kleinen Kreis von Frauen und gehalten mit all unseren Gefühlen. Wer sich untenrum frei vor den Spiegel in dem Raum setzt, in dem wir einen ganzen Tag lang eine Reise zu uns selbst unternehmen, darf selbst entscheiden ob und wann sie möchte, dass die anderen Frauen dazukommen. Die Atmosphäre ist geladen voller Emotionen, aber wir geben uns gegenseitig Kraft und stützen uns.

Ich will, dass es endlich aufhört

Das hier, ist schwer. Es ist verdammt schwer sich so verletzlich zu zeigen und die eigene Vulva im Spiegeln anderen zu teilen. Es fließen viele Tränen, schwere, heiße Tränen aus dem tiefsten inneren der Seele und da ist auch Wut: „Ich will, dass es endlich aufhört!“, sagt Lynn während ihr ganzer Körper bebt. Sie teilt mit uns ihre Wut auf diese beschissenen Normen, die uns fühlen lassen, dass wir nicht gut so sind wie wir sind. Wut auf all die Tränen, die hochkommen, die Ängste, Sorgen, das Trauma, das teilweise über Jahre in jeder einzelnen von uns verborgen lag. Warum? Warum kann dieser Raum nicht voller Lust und voller Leichtigkeit sein, voller Lachen und voller Liebe? Warum? Warum braucht es diesen Workshop um die Scham zu durchbrechen und was ist mit all den anderen Frauen auf dieser Welt?

Lynns Wut ist kraftvoll und geht unter die Haut, sie verändert die Welt im Kleinen und somit auch im Großen. So wie wir alle zusammen an diesem Tag die Welt ein Stück besser machen. Denn wie wollen wir Genitalverstümmelung stoppen ohne mit den Basics der Vulva und der Klitoris vertraut zu sein? Wie wollen wir über Lust aber auch Schmerzen reden, wenn diese beiden Körperteile so schambeladen ist? Wie wollen wir es schaffen, dass Intimchirurg*innen bald arbeitslos sind, weil keine Frau mehr auf ihre sogenannten „Schamlippenkorrektur“ OPs anspringt, wenn wir nicht über Vielfalt reden und sie mit eigenen Augen sehen?

Der Mut jeder Einzelnen sich im Spiegel zu zeigen, oder sich bewusst dagegen zu entscheiden wird beklatscht, wir umarmen uns und feiern dieses gemeinsame Erlebnis. Es ist ein Entdecken, ein Staunen, ein wahnsinniges Aha! Erlebnis. Wie verschieden wir alle sind, wie verschieden unsere Vulven sind, wie schön jede einzelne ist und wie verrückt das ist mit welchem „Idealbild“ wir aufgewachsen sind. Was ist schon normal, wenn Vielfalt die Norm ist?

In diesem Sinne Viva la vulva!

(Ich habe das Wort Vulva und Vulven in diesem Artikel gezählt: 16 Mal V!!!!!!!!!!!!!!!!)

Hier ist ein kleiner Beitrag über Vulva Watching und was es verändern kann: https://www.7tv.de/paula-kommt-sexpedition-deutschland/11-vulva-watching-hilft-es-sich-selbst-wieder-schoen-zu-finden-clip