#KeinBockaufMythen – Schluss mit dem Jungfernhäutchen Mythos!

Weltweit leben Frauen und Mädchen in Angst, weil der Mythos des sogenannten „Jungfernhäutchen“ sich in den Köpfen der Menschen hält. Es handelt sich dabei lediglich um dehnbare Schleimhautfalten, die ein Überbleibsel der Evolution sind und kein Beweis für Jungfräulichkeit darstellen! Seit Oktober 2018 sind „Jungfrauentests“ von der UN als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Trotzdem hält sich der Mythos hartnäckig! Das will ich ändern! #keinbockaufmythen

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©Anna Beil (01.09.2017 Like a Virgin? Mithu Sanyal über den Mythos des Jungfernhäutchens)

Auch deutsche Mediziner*innen tragen zur Aufrechterhaltung dieses längst überholten Aberglauben bei, indem sie beispielsweise „Hymenrekonstruktionen“ anbieten. Diese medizinisch nicht zu rechtfertigenden Eingriffe sind in Dänemark ab Juli 2019 gesetzlich verboten. Was ist mit Deutschland? Wie lange wollen wir den Mythos des Jungfernhäutchens noch aufrechterhalten?

Ich habe #keinbockaufmythen und fordere: Schluss mit dem Jungfernhäutchen Mythos!

In Schweden wurde das Wort schon 2009 durch die Bezeichnung „vaginale Korona“ ersetzt. Die Form der Schleimhautfalten, die auch Hymen genannt werden, haben nämlich nichts damit zu tun, ob eine Frau bereits Geschlechtsverkehr hatte, oder nicht.

Mithu Sanyal schreibt im Artikel: „Vaginale Corona: Der Mythos“ (06.09.2010 erschienen in der EMMA)

„Sprache bestimmt wie wir denken“, erkannte die „Schwedische Vereinigung für aufgeklärte Sexualerziehung“ (Riksförbundet För Sexuell Upplysing – RFSU) und entschied, das ideologiebeladene „Jungfernhäutchen“ (Schwedisch mödomshinna) einfach abzuschaffen und durch den Begriff „vaginale Korona“ zu ersetzen.

„Der mythische Status des Jungfernhäutchens hat viel zu lange viel zu viel Unheil angerichtet. Dabei gibt es überhaupt keine Haut, die anzeigt, ob eine Frau Jungfrau ist oder nicht. Wir wollen Informationen darüber verbreiten, wie der Körper wirklich funktioniert, und dafür benötigen wir eine Sprache, in der das auch kommunizierbar ist“, erklärt Asa Regnér, die Generalsekretärin der RFSU.

Der Jungfräulichkeits Schwindel

4,668.105 Aufrufe: Zwei norwegische Medizinerinnen klären in einem TED Talk „The virginity fraud“ über den Mythos des nicht existierenden (im Sinne von: Diese Schleimhautfalten/vaginale Korona haben nichts mit Jungfrau sein zu tun) „Jungfernhäutchens“ auf:

Wissenschaftlich widerlegt

Das ist mir nicht wissenschaftlich genug“, sagte ein Freund, nachdem er den TED Talk gesehen hat. Ja doch, genau das ist es. Medizinische Studien (und der normale Menschenverstand) zeigen, dass man keiner Frau ansehen kann ob sie schon Sex hatte, oder nicht und dass das Hickhack, welches um diese verdammt unterschiedlich gewachsene (oder nicht vorhandene!) Schleimhautfalten/vaginale Korona gemacht wird, völlig überholt ist von der Wissenschaft.

Blutgeld

An der Angst von Frauen und an dem Mythos des „Jungfernhäutchens“ verdienen Intimchirurg*innen goldene Nasen. In einem Interview bezeichnet die dänische Politikerin Karen Ellemann das als Blutgeld:

 

In Deutschland sind diese Operationen weiterhin legal, auch wenn sie keinerlei medizinischen Grund haben. In Dänemark werden ab Juli 2019 sogenannte Hymen „Rekonstruktionen“ per Gesetz verboten. Ich habe mit großem Interesse die Debatte in den Dänischen Zeitungen verfolgt und Kontakt aufgenommen zu einer dänischen Autorin Gry Stevens Senderovitz, die zusammen mit einem Rechtsmediziner Jørgen Lange Thomsen das Buch „Mødommen“ über das Hymen geschrieben hat.

In Dänemark tut sich etwas, das Thema wird in der Öffentlichkeit diskutiert und ich arbeite daran, dass es bald englische/deutsche/französische Untertitel für dieses Video der Kampagne #StopJomfruMyten gibt:

Auch Mithu Sanyal hat über das Thema im Missy Magazine geschrieben: https://missy-magazine.de/blog/2017/09/01/like-a-virgin/

In Dänemark wurde also der Vorschlag der Gesundheitsministerin angenommen und es kam zu einer Gesetzesänderung. Diese verbieten den Eingriff der „Hymenrekonstruktion“, um den Mythos des sogenannten „Jungfernhäutchens“ endlich zu stoppen. Verrückt, dass trotz dieses Gesetzes in den Medien immer wieder zweideutige Zeilen darüber geschrieben werden, wie z.B. im Stern „Dänemark verbietet Konstruktion von „künstlichen“ Jungfernhäutchen“

„In Dänemark gibt es nur wenige Kliniken, die Eingriffe, bei denen das Gerissene Jungfernhäutchen, auch Hymen genannt, wieder rekonstruiert wird.“

Anstatt zu schreiben: In Dänemark gibt es nur wenige Kliniken, die medizinisch nicht zu rechtfertigende Eingriffe vornehmen, bei denen die vaginale Wand aufgeritzt und Gewebe zusammengenäht wird, in der Hoffnung, dass es aufreißt und blutet beim Geschlechtsverkehr.

Munterer Mythenwahnsinn

Indem die Autorin von „reißen“ und „rekonstruieren“ spricht, benutzt sie genau dasselbe Vokabular, welches den Mythos des sogenannten Jungfernhäutchens bis heute am Leben erhält und vielen Menschen super in den Kram passt.

Leider ist es mit einem Verbot nicht getan. Es muss natürlich trotzdem Hilfsangebote für Frauen geben, die sich in dieser Notsituation befinden. Denen bringt das Verbot, ohne Hilfe in Form von Aufklärungsangeboten und Unterstützung nichts. Um den „Jungfernhäutchen“ Mythos zu beenden und ohne Angst zu leben braucht es Hilfe von außen und ein Umdenken in unserer Gesellschaft. Der Verein BALANCE setzt sich dafür in Deutschland ein. Kapseln mit Kunstblut und andere kreative Möglichkeiten gibt es schon heute um den Mythos aufrecht zu erhalten, ohne eine unnötige Operation für mehrere tausend Euro durchzuführen.

Was ist mit Deutschland? Wie lange schauen wir noch bei mittelalterlichen Praktiken zu und halten Mythen am Leben, die im schlimmsten Fall das Leben von Frauen kosten?

Wie begründet man eigentlich die Tatsache, dass Intimchirurg*innen munter auf ihren Webseiten werben dürfen mit Beiträgen, die an Satire erinnern, aber leider bitter ernst gemeint sind? Wie kann es überhaupt legal sein, dass diese Ärzt*innen medizinisch falsche Informationen zu Werbezwecken nutzen dürfen? „Jungfernhäutchen durch Tampon kaputt? Wir können helfen!“ So ein BLÖDSINN! Ein Hymen geht nicht durch einen Tampon „kaputt“, wie kann man IHNEN helfen das zu verstehen? Was haben Sie studiert? Mythenkunde oder Medizin?

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Ich habe #keinbockaufmythen und umarme lieber Bäume

Weißt du was es für viele Frauen und Mädchen auf dieser Welt bedeuten würde, wenn es wirklich kein „Jungfernhäutchen“ gibt?“, fragt mich derselbe Freund, der die Wissenschaftlichkeit angezweifelt hat. „Ja, VERDAMMT viel!“, sage ich „Deshalb mache ich mich dafür stark.“

„In die Fotze ballern“ – WITZIG?

Seit der Diskussion um Annegret Kramp-Karrenbauers „Witz“ über das dritte Geschlecht, habe ich mich wieder vermehrt gefragt: Was darf eigentlich Comedy, wenn es um Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie, Homophobie und Transphobie geht?

In der Karnevalszeit erlaubte sich Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Büttenrede diesen Aussetzer, für den sie sich öffentlich nicht entschuldigt, sondern sogar gerechtfertigt hat:

„Guckt euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen! Das ist für die Männer, die nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen oder schon sitzen müssen! Dafür – dazwischen – ist diese Toilette“, ruft sie in die Runde. Das Publikum lacht und applaudiert zustimmend. Ich hingegen fasse mir an den Kopf und frage mich: Geht es eigentlich noch, Frau Kramp-Karrenbauer? (Ole Siebrecht, ze.tt, „Warum der Witz von AKK über das dritte Geschlecht einfach nur würdelos ist“)

Ein Witz hat eine Pointe, eine abfällige Bemerkung nicht

Wie es der Zufall so will, stolperte ich vor kurzem über dieses Video von 1LIVE mit der Beschreibung „Felix Lobrecht interessiert sich jetzt auch für Mädchen und hat uns über Verhütung aufgeklärt. 🍌😂“ Nicht nur AKK greift in ihrer Themenwahl buchstäblich ins Klo, auch der viel gelobte Felix Lobrecht schafft das mit links.

Um was geht’s?

Felix Lobrecht hat zufällig eine Broschüre über Verhütung gelesen, weil er angefangen habe sich für Mädchen zu interessieren. Für Mädchen?! Wie alt bist du Felix? Dabei sei ihm dieser krasse Unterschied bei den Verhütungsmethoden zwischen Männern und Frauen aufgefallen: „Verhütung bei Frauen, das ist Wissenschaft. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger verkopfter Forschung. Da wurden Nobelpreise für vergeben. Irgendwelche abgefahrenen Kupferspiralen, die man sich irgendwie so vaginal… (Gelächter) ok vaginal klingt so derbe, also irgendwelche abgefahrenen Kupferspiralen, die man sich so in die Fotze reinballert. (großes Gelächter) Spaß, (…) die man sich so scheidal einführt.“ (Felix Lobrecht bei der 1LIVE Köln Comedy-Nacht XXL, Minute 1:00-1:41)

Offensichtlich hat Felix Lobrecht nicht nur keine Ahnung von Kupferspiralen, die sich niemand irgendwo „reinballert“, sondern auch überhaupt kein Interesse daran einen Beitrag zur Aufklärung zu liefern. Total daneben, aber viele Leute lachen sich schlapp. Der WDR sendet. „In die Fotze ballern“ – WITZIG.

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Fotze. ballern. Sexistische Kackscheiße.

Meine Fresse, da hat einer so eine Bühne, bekommt über 3 Millionen Klicks und könnte so viel Sinnvolles zum Thema Verhütung sagen! Warum tut man das? Für die Lacher? Weil es irgendwie geil ist FOTZE auf einer großen Comedy Bühne laut zu sagen, oder etwa weil er einfach „unfassbar clever“ ist?

Lobrecht ist derb und kennt kaum Grenzen, ohne Frage. Doch genau das ist es wohl, was die Leute immer wieder anzieht, denn die Witze sind weder plump und selten niveaulos, sondern fast immer auf den Punkt und gelegentlich einfach unfassbar clever. Natürlich spielt auch er sich mit den üblichen Hannover-Klischees und witzelt darüber, dass der Auftritt in Schwerin wohl doch nicht so ganz glorreich verkauft gewesen sei; selbst die bayerische Sprache wird natürlich ein wenig veräppelt, indem er laut über die Vielseitigkeit des Wortes „Fotze“ im Bairischen nachdenkt, da es neben dem Verb einer gewalttätigen Aktion und dem pejorativen Ausdruck für einen weiblichen Menschen auch einen Begriff für das Sprechorgan, den Mund, darstellt. Und dann beginnt man plötzlich selbst zu schmunzeln. (Ludwig Stadler) Hier zu lesen: kenn ick. – Felix Lobrecht im Schlachthof  (Bericht)

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Das war die offizielle Antwort von 1LIVE. Humor ist also ein Geschmackssache, alles klar!

Fragen für Felix:

Beim Thema Verhütung gibt es so viele skurrile Tatsachen über die man aufklären könnte! Warum kam denn die Pille für den Mann nie auf den Markt? (Hoppla, sie hatte Nebenwirkungen!) Warum ist die Verhütungsmittel-Industrie sexistisch?

„Pharmakonzerne verdienen gut an der aktuellen Situation. Die Pille ist ein Milliardengeschäft. Keine einzige der großen Firmen forscht momentan im Bereich männlicher Verhütung.“ (Luise Strothmann und Sohini Chattopadhyay, taz, „Die Pille für den Mann, Da kommt noch was“ 22.08.2018)

Warum simuliert die Hormonpille eine künstliche Regelblutung, obwohl das keinen medizinischen Mehrwert hat? (Katholische Kirche lässt grüßen!) Wie du siehst gibt es viele wichtige Fragen zu dem Thema! Um sich diesen Fragen jedoch zu stellen, muss man ein bisschen mehr drauf haben als sich nur über die Worte „Kondom, Diaphrrragma und co.“ lustig zu machen und festzustellen, dass diese Bezeichnungen irgendwie abturnend sind. Weißt du was richtig abturnend ist lieber Felix? „In die Fotze ballern“, das ist abturnend. Da hüpft meine Kupferspirale im Zickzack und hat Bock dir eine zu ballern, aber nein das wäre ja… Total daneben! So wie der Schwachsinn den du als „Humor“ verkaufst.

Sexistische Kackscheiße auf Hochglanz poliert

Herzlichen Glückwunsch zu dieser grandiosen komödiantischen Meisterleistung. Kein einziger Mehrwert, keine einzige sinnvolle Information zu diesem wichtigen Thema! Stattdessen: Sexistische Kackscheiße auf Hochglanz poliert, vom WDR gesendet und von über 3 Millionen Menschen online angeschaut. Bravo!

Homophobie WITZIG?

Der ganze Spaß geht noch weiter! Während ich das Programm „Der Adolf in mir“ von Serdar Somuncu noch einmal anschaue um daraus zu zitieren wird mir schlecht. Meine Hände zittern und in mir krampft sich alles zusammen. Ich wünschte, Serdar Somuncu würde sein Comedy Programm, das durchaus auch viele gute und pointierte Inhalte hat, ohne homophobe Ausfälle machen, dann müsste ich den folgenden Mist nicht zitieren. Tut er aber nicht. Nach dem Motto: „Ich mache alle Minderheiten fertig“, verbreitet Serdar Somuncu seinen homophoben Scheiß und die Leute lachen. Die Frage ist wie lange noch?

Los geht es bei Minute 24:15

Es kommt darauf an was man vorher im Mund hatte. Scheiß Schwule. (Gelächter) Ich meine den Pflaume. Kommen nach Deutschland und nehmen uns Türken (unverständliches Geschrei) Ich bin durch und durch heterosexuell. Ich lasse mir doch hinten nichts reinstecken, da kommt bei mir was raus. (Gelächter) In was für einer degenerierten Gesellschaft leben wir, in der sich Männer gegenseitig irgendwelche Körperöffnungen größer und kleiner machen und wenn es nicht reicht sich sogar von Pferden nehmen lassen. (Gelächter) Nachdem sie den Gaul vorher mit Pheromonen eingerieben haben. (Gelächter) Weil sie geil werden auf nackte Pferde. Pferde sind in der Regel immer nackt und der Gaul hat auch keine Ahnung wo er aufhören muss, der zieht einfach durch: RAMMELN! (Gelächter) Und der Typ ist tot, vorher war er noch geil. (großes Gelächter) Jetzt ist er tot, aber geil tot. (Serdar Somuncu muss selber lachen)

Serdar Somuncu – Der Adolf in mir, 03.01.2016

Wenig später sagt er noch: „Je größer die Krise, desto banaler die Ablenkung. Deshalb hat es was von Mittelalter was wir gerade erleben, deshalb lohnt es sich zu hinterfragen.“ (Minute 25:30) Der einzige, der im Mittelalter stecken geblieben ist ohne zu hinterfragen und sich an homophoben „Witzen“ aufgeilt, scheint er selber zu sein.

Warum tut man das?

„Ich habe mich immer auf das Abstraktionsvermögen meiner Zuschauer verlassen. Jeder, der ein Theater betritt weiß, dass das was er sieht, nicht echt ist. Der Schauspieler spielt eine Rolle und er identifiziert sich mit ihr, damit der Zuschauer ihm glaubt, was er sagt. Mit dem Applaus endet diese Illusion. Ähnlich funktioniert es beim Kabarett. Jeder weiß, dass Kabarett von Ironie und Andeutungen lebt und dass der Kabarettist nicht immer unbedingt sagen muss, was er wirklich denkt. Wer das vorsätzlich missversteht, öffnet ein weites Feld von Anschuldigungen und Verdacht.“ (Serdar Somuncu, „Oliver Polack – eine Analyse, 05.11.2018)

Seine eigene Einstellung: „Ich beleidige flächendeckend. Erst wenn es alle trifft ist es gerecht verteilt. Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“, ist für mich keine Entschuldigung. Die Einstellung: Ich mache mich eben über alle lustig und bin nicht verantwortlich für Missverständnisse ist doch kein Freifahrschein für Homophobie! Es wird übrigens nicht besser, als Somuncu von seinem eigenen „super geilen Schwanz“ erzählt und wie Deutsche „in der Dusche rubbeln, weil sie alle latent homosexuell“ sind. (Minute 51:10) Ich erspare euch die Details.

Kotz. 

In diesem Video steht Serdar Somuncu Rede und Antwort zum Vorwurf, dass er ein Problem mit Homosexuellen habe:

Am weltweiten Tag gegen Homophobie trifft Michi Koppel, ein Reporter von on3 Serdar Somuncu in München. Das Gespräch beginnt damit, dass Somuncu feststellt, dass ein Tag gegen Homophobie ja eine doppelte Verneinung sei. Genau das ist es, ansonsten wäre es ein Tag für Homophobie und die will ja keiner (zumindest wünsche ich mir das!) haben. „Dafür gibt es einen internationalen Tag?“ Ja genau, zum Glück. „Ah, dann ist die schwule Bewegung noch nicht am Ziel? Warum fragst du mich das?“ Mensch Serdar, denk doch mal nach! Der Reporter fragt dich das gerade, weil es eine Chance ist für dich zu sagen, dass du nicht homophob bist. Stattdessen bekräftigst du dieses Bild mit deinen Antworten. Ja, die Lesben- und Schwulenbewegung ist noch nicht am Ziel, auch wenn 1994 Homosexualität in Deutschland (endlich) straffrei gemacht wurde. Weltweit werden homosexuelle Menschen diskriminiert, verfolgt, getötet.

Anstatt irgendwie sinnvoll auf den Homophobie Vorwurf einzugehen, redet Somuncu den Vorwurf klein, nach dem Motto er sei einfach nicht verantwortlich für die Missverständnisse, die aus seiner Arbeit entstehen. Außerdem habe er ja auch schon zahlreiche Preise „für Gegentoleranz und für mehr Verständnis unter unterschiedlichsten Völkergruppen“ (Minute 1:39) bekommen. Gemeint ist hier wohl der Preis für Toleranz und Zivilcourage im Jahr 2011. Das mag ja alles sehr lobenswert sein, doch das eine macht das andere leider nicht besser. Überhaupt sei es merkwürdig, konstatiert Somuncu, dass sich die Leute immer nur über ihre eigene Diskriminierung beschweren und nicht über die der anderen:

Stattdessen werde „Lobby-Echauffage“ betrieben, und es sei eines seiner Ziele, „dies zu entlarven“. Das Problem ist nur: Die wenigen Ausschnitte, die der BR-Beitrag aus dem Schaffenswerk Somuncus zusammenfasst, zeigen keine Witze auf Meta-Ebene, wie er behauptet, sondern homopbobe Schenkelklopfer, die doch eher seine als die Homophobie des Publikums entlarven. Und was soll die Meta-Ebene überhaupt sein? Wenn Somuncu derart missverstanden werden kann, hat er ein Problem, nicht Niggemeier. (nb, „Serdar Somuncu weist Homophobie-Vorwurf zurück“, 19.05.2011)

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Auf den Artikel von Stefan Niggemeier „Serdar Somuncu“, antwortet ein Nutzer glamorama in einem Kommentar am 19. April 2011 sehr treffend:

Ich habe Somuncu vor einigen Jahren live erlebt — und auch mir ist das Lachen im Halse stecken geblieben, als zwischen seinen bissigen, immer in höchstem Maß ironischen Kommentaren plötzlich so ein schwulenfeindlicher Spruch kam. Auch ich hatte das Gefühl, dass der Spaß in diesem Moment verschwunden war und Somuncu das wirklich ernst meinte.

Ich weiß nicht was schlimmer ist: dass Menschen auch im 21. Jahrhundert noch homo-feindliche Witze machen, dass sie das in der Öffentlichkeit (auf der Bühne, in der Zeitung, im TV) machen dürfen, dass die Masse tatsächlich darüber lacht oder dass von denen, die nicht lachen, keiner lautstark widerspricht. (…)

Ich widerspreche. Vielleicht nur ganz leise und nur auf diesem Blog, aber ich widerspreche. Das hat nichts damit zu tun, dass ich keinen Humor habe. Das Programm von Serdar Somuncu habe ich mir zu Ende angeschaut, weil er durchaus auch viele spannende Sachen sagt.

Große Porno Pointen

Stefan Niggemeier schreibt in einem FAZ Artikel zu dem Thema:

In seinem Internetprogramm „Hate Night“ erzählt er, wie sehr es ihn vor Hella von Sinnen und Anne Will ekelt. Er hetzt darin so überzeugend gegen Lesben, dass es egal ist, ob er da womöglich eine Rolle spielt und das demaskierend meint: Die Show ist geilster Porno für Lesbenhasser. (Stefan Niggemeier, 17.04.2011, „Serdar Somuncu„)

Hier ist ein Ausschnitt aus einem Interview mit rp-online:

Anne Will scheint Sie auf jeden Fall zu verstehen. Ihre Figur aus der Hate Night hat sie ja wegen ihrer Homosexualität angegriffen. Kürzlich haben Sie Frau Will allerdings für die Arte-Reihe „Durch die Nacht mit…“ getroffen. (Sebastian Dalkowski, 19.03.2013, „Es ist nie gut, wenn Leute machen, was sie wollen“ rp-online)

Antwort von Serdar Somuncu:

„Allein dass ich mich in der Sendung mit ihr treffe, zeigt ja, dass das, was ich in der Hate Night gesagt habe, nicht wahr gewesen ist. Meine Figur ist in dieser Passage klar ironisch. Aus der Perspektive eines heterosexuellen, ziemlich sexistischen Mannes beschwere ich mich über lesbische Frauen, die uns nicht mehr in Anspruch nehmen wollen, weil sie sich selbst genug sind. Da bediene ich ganz klar Klischees, wenn ich zum Beispiel sage „Ich mag die alle nicht, aber wenn sie in Pornos an sich herumfummeln, finde ich es geil“. Ich habe ja für Anne Will gesprochen, indem ich vorgemacht habe, wie Leute schlecht über sie reden.“

Mag ja sein, dass dieser Teil für dich „klar ironisch“ war. Erklär mir bitte noch einmal dieselbe klare Ironie an dem Pferde“witz“ in dem der Mann totgeil war. Mir blieb der Witz und die Ironie (?!) nämlich im Hals stecken.

Frauen sind auch sexistisch

Ja. Frauen können auch sexistisch sein, genau so wie Menschen, die Diskriminierung erlebt haben selber auch rassistisch sein können. Wie passend, dass ich nach meinem Einwand an die Jury des Freiburger Kleinkunstpreises zu den sexistischen Strophen in Florian Wagners „schnelles Liebeslied“ mit der Antwort abgespeist wurde, dass auch Frauen in der Comedy Szene sich des Sexismus bedienen.

Genannt wurden Hazel Brugger, die eine Bemerkung über Felix Lobrechts Penis gemacht hat: „Wenn ich einen Penis hätte, dann würde er so aussehen wie Felix Lobrecht. Also so mittel.“ und Helene Bockhorst, die auf einer Bühne lasziv an einer Cola Flasche lutscht. Überhaupt würden Männer, die sexistische Bemerkungen machen, doch eh in der untersten Schublade landen. Nein. Sie landen in der obersten, auf großen Bühnen, bekommen Preise und werden beklatscht von den Menschen, die noch darüber lachen können.

Wie lange noch?

Mund auf, Penis rein: Warum wir reden müssen!

Liebe Jori,

Du bist 19 Jahre alt und wirst in fünf Jahren über deine Erlebnisse mit sexualisierter Gewalt schreiben. Öffentlich. Es wird dir egal sein was die Leute denken, weil du weißt, dass du NICHT alleine damit bist. Sexistischer Kackscheiße hast du bis dahin ein für alle Mal den Kampf angesagt!

 

 

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„Wir haben das Glück, uns über die Freiheit und Liebe Gedanken machen zu dürfen und die Kämpfe derer weiterzuführen, die damit angefangen haben, und wir sollten es tun. Wir tun es nicht nur für uns selbst. Ich habe in den dreißig Jahren, in denen ich lebe, schon an vieles geglaubt, an die Liebe und die Hoffnung und an einzelne Menschen und an mich selbst und jeden Glauben zwischendurch verloren und wiedergefunden. Ich habe an Gott geglaubt und daran, dass es Gott nicht gibt. Ich habe an Gedichte geglaubt und an Bilder, an Meditation und an Statistik, ans Fragen und ans Antworten. Ich habe an Einsamkeit und an Gemeinsamkeit geglaubt, an Schnaps und Musik und die Freiheit, und dann wieder auf die Fresse bekommen. Ich habe ans Aufstehen und ans Liegenbleiben geglaubt, an die Ruhe und an den Sturm, und ich weiß nicht, was noch kommt und woran ich in meinem Leben noch glauben werde, aber ganz sicher niemals ans Schweigen.“ ( S.230 aus: Untenrum frei, von Margarete Stokowski)

Ende Januar 2019 wirst du bei einem Poetry Slam auf der Bühne stehen und zum ersten Mal diese Geschichte vortragen. Es ist deine Geschichte und doch ist sie auch die Geschichte von so vielen Frauen* und Männern* die Ähnliches erlebt haben. Es geht um eigene Grenzen und um das Gefühl „funktionieren“ zu müssen. Das betrifft uns alle! Dein Text wird andere zum Nachdenken bringen. Nach dem Poetry Slam werden Menschen auf dich zukommen und ihre eigene Geschichte mit dir teilen. Du bist nicht alleine, glaub mir.

Du bist mutig und stark! Vergiss das nie.

Deine Jori (24)

 

 

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Der Poetry Slam Text „Waldspaziergang“ ist hier zu hören

Ein kleiner Auszug aus dem Text:

(…) Sexualisierte Gewalt? JA, aber…

Ich habe ja nicht nein gesagt, ich habe nicht nach dir getreten, bin nicht weggelaufen. TROTZDEM.

Der Ekel bleibt, die Scham das gemacht und erlebt zu haben.

Über die Jahre verdränge ich, so gut, dass ich heute fast vergessen habe wie du aussiehst.

Du warst nicht bedrohlich, das ist ja das verrückte, aber damals im Wald habe ich gefühlt, dass ich keine Wahl habe, dass es genau so normal ist und dass ich funktionieren muss.

Heute kommt Wut in mir hoch, wenn ich an dich denke, wie du mich an der Hand durch den Wald geführt hast.

„Willst du mir einen blasen?“, fragst du so als ob du sagst: „Willst du mir die Schnürsenkel binden?“ „Willst du auch einen Kaugummi?“ „Willst du was essen?“

Verdammt. Das ist doch nichts was man bestellt, was man einfordert und sich „machen lässt“.

Wenn ich höre wie manche Witze darüber reißen, denke ich innerlich: Bitte, bitte hört auf damit! Doch diese Gedanken sind so leise, dass sie wie mein Murmeln damals im Wald verschwinden.

Hör auf. Hör auf. Hör auf.

HÖR AUF! Sage ich zu mir selber, hör verdammt noch mal auf dich dafür zu schämen! Fünf Jahre nach diesem Waldspaziergang teile ich nun diesen Text.

Nicht weil ich ein Opfer bin, nicht weil ich Mitleid will, darum geht es mir nicht. Ich will Mut machen solche Geschichten zu teilen, Mut machen, dass man sich NIEMALS dafür schämen muss. Ich bin mir sicher, dass irgendjemand hier etwas Ähnliches erlebt hat. Du bist nicht alleine und bitte, bitte schäm dich nicht!

Scham ist ein giftiges Gefühl und ich stehe hier nur, weil ich möchte, dass wir uns alle ein bisschen weniger schämen vor uns selber, vor unseren Partner*innen oder Freund*innen. Mit meinen eigenen Geschichten möchte ich ein Beispiel dafür geben, dass es sehr wohl möglich ist gegen die Scham anzukämpfen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es uns allen besser gehen würde ohne Tabus in unserem Leben. Es macht stark, wenn man Geschichten teilt, die man sich nie getraut hat zu erzählen.

Wie Hannah Gadsby sagte: “Nothing is stronger than a broken woman, who has rebuilt herself.

Vulva

Blumenbild als kleine Aufheiterung zwischendurch *uffschnuufe*

Danke für diese Nachricht, die mich vor kurzem erreicht hat und sicher vielen anderen genauso viel Mut macht wie mir:

Was deine Worte, die Wake-Up Comedy, der Poetry Slam Text, Positives in anderen auslösen und wie viel internalisierte Scham sie durchbrechen, ist vielleicht nicht immer sofort sichtbar und greifbar – doch es ist sowas von da! Ich denke da an die Stille, als du Waldspaziergang beim Slam vorgetragen hast, an den riesigen Applaus, der so viel ausgedrückt hat, finde ich. An die Gespräche, die ich mit Freundinnen danach geführt habe, wenn ich von dem Slam, oder der Wake Up Comedy erzählt habe oder neulich, als eine Freundin von deinem Beitrag über die Klitoris erzählt hat und dein geflügeltes Einhorn für andere zur Erklärung aufgemalt hat. Was du machst, hat echt eine enorme Wirkung und es ist so wichtig und genial, dass du es machst – wenn auch sicher nicht immer einfach. Ich hoffe, das ein bisschen zu hören hilft in Momenten, in denen man mit negativem konfrontiert ist. Ich habe mehrmals gedacht: „Wow, was für ein krasser Enthusiasmus, was für eine Stärke zu so viel Offenheit zu kommen und so all diese Scham zu überwinden, die man irgendwie internalisiert hat.“

Wir müssen darüber reden!

Waldspaziergang zu veröffentlichen war ein riesengroßer Schritt für mich. Von der Geschichte wusste fünf Jahre lang niemand, bevor ich sie in Textform aufgeschrieben habe. Mittlerweile habe ich begriffen, dass die Klitoris nicht nur mit Lust zusammenhängt, sondern auch mit Schmerz und mit sexualisierter Gewalt. Diese Themen sind so eng miteinander verknüpft und durch klebrige Scham bewegungslos gemacht. Deshalb sage ich JA zur Klitoris und NEIN zur sexistischen Kackscheiße!

ja

Keine Schuld, keine Scham, kein Tabu!

Wie wollen wir über Missbrauch reden, wenn das Thema Sexualität tabu ist? Wie ist es möglich, dass sogar auf Freiburger Kleinkunstbühnen Witze mit der Pointe „(…) dass du mir endlich einen bläst“ gerissen werden und man dafür auch noch einen Preis (den ersten Preis!) bekommt? Ich habe keinen Bock mehr auf sexistische Kackscheiße!Du hättest ja nein sagen können.“ „Du hättest halt aufpassen müssen.NEIN! Was für Sätze man nicht hören möchte, fasst Luisa prima zusammen. Unter dem Motto: Keine Schuld, keine Scham, kein Tabu! hat sie eine ganze Reihe an sehenswerten YouTube Videos gemacht:

Celebrating diversity! The future is inclusive

Es tut sich was, in mir und in allen anderen. „Celebrating diversity! The future is inclusive“, sagt Hilde Atalanta in ihrem Video zur Vulva Vielfalt. Das hört sich doch nach einem Plan an!

 

 

Kein Bock mehr auf sexistische Kackscheiße?

Die goldene Klitoris braucht deine Hilfe!

Legend

Eine großartige Aktion auf Instagram von @gangduclito

Liebe Menschen mit und ohne Einhornhintergrund, die Klitoris braucht EURE Stimme! Es geht um SO viel mehr als nur Feenstaub! Mit meinem Wake Up Comedy Programm zur Klitoris beim Kleinkunstpreis in Freiburg habe ich einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Das war alles andere als leicht!

Klitoris, Penis, Scheide/Schwert und Orgasmus, das sind keine Worte die man normalerweise auf Bühnen sagt. Warum eigentlich nicht? Das Programm hat schon jetzt so viel Gutes bewirkt und Menschen zum Nachdenken gebracht, dass ich unbedingt weiter machen möchte. Ihr könnt mir dabei helfen!

Beim Online-Voting der Biennale stehen 61 Bewerber*innen im Rennen. 👀Puh! Was für ne Konkurrenz! Nur mit eurer Hilfe kann die Wake Up Comedy mitsamt Klitoris Einhörnchen im Mai dort auf die Bühne kommen! 🦄😊 Bitte gebt deshalb einen Daumen hoch auf der Website der Biennale. DANKESCHÖN! ❤ Die Klitoris ist keine Erbse, keine Brezel, keine Legende und kein Pokémon. Flieg Einhörnchen, flieg! 

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(Foto: © Hanno Müller)

IN VIER KLICKS ZUR KLITORIS:

  1. Website der Biennale öffnen: https://www.biennale-sindelfingen.de/online-voting/
  2. Anmelden und Abstimmen: auf Facebook klicken
  3. Video in der Übersicht finden: Kategorie Comedy „Die Klitoris- das geflügelte Einhörnchen!“
  4. Daumen hoch! (Der Daumen wird dann rot, stimmt so!)
  5. Geschafft!

Das Online-Voting ist nur bis zum 30. März geöffnet. Danach kommen 24 Beiträge in die engere Auswahl, von denen 12 durch die Jury in den Wettbewerb gewählt werden.

Ihr habt keinen Bock mehr auf sexistische Kackscheiße? Ich auch nicht! Lasst uns gemeinsam Comedy verändern und das geflügelte Einhörnchen promoten. Ich freue mich sehr über eure Unterstützung! Jede einzelne Stimme zählt.

Es ist Zeit…

Warum ich das mache? Ganz einfach, weil es Zeit ist aus dem genitalen Winterschlaf aufzuwachen, Zeit die Anatomiebücher zu ändern, Zeit die Klitoris so selbstverständlich zu kennen wie alle anderen Organe, Zeit endlich mit dem Tabu der weiblichen Lust zu brechen. #FemalePleasure läuft im Kino, weltweit kämpfen Aktivistinnen für die weibliche Sexualität und ihre Freiheit! Auf was warten wir noch?

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(Foto: © Max Erb)

Seid mutig und teilt diesen Artikel, damit möglichst viele Menschen beim Online-Voting mitmachen können. SCHANKEDÖN!!!

Wer übrigens die neue uniTV Sendung einBlick #2 – Von Tabus, Protesten und Aufklärung noch nicht gesehen hat, findet dort ab Minute 5:05 das 3D Modell der Klitoris wieder und ziemliche viele, ziemlich ahnungslose Studierende. Der Beitrag „Hallo Klitoris!“ ist hier direkt zu finden.

Liebe Grüße und danke für eure Unterstützung,

Jorinde

Warum Vulva Watching die Welt verändert

Vulva, Schnitzelbrötchen, Penis

Seit dem Sommer beschäftige ich mich im Rahmen meines Buchprojektes mit weiblichen Tabuthemen und stolperte dabei mit Karacho über meine eigene Vulva. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich innerhalb weniger Monate eine regelrechte „Vulva Transformation“ durchmachen würde: Von einer Frau, die nichts als Scham mit der eigenen Vulva verband, hinzu einer Frau die öffentlich über die Vulva schreibt um sie ein für alle Mal zu enttabuisieren! „Hallo Vulva, hier Welt!“ Wir brauchen Vielfalt und keine Tabus! Damit Vulven so normal werden wie Schnitzelbrötchen oder Penisse, brauchen wir Abbildungen. Ganz, ganz viele davon!

Vulva1

Das ist mir zu kompliziert

Ich musste mir während des Schreibprozesses eingestehen, dass ich keine Vulva zeichnen konnte. Diese Einsicht verblüffte mich. Wie konnte ich in meinem Buch darüber schreiben, dass viele Frauen ihre eigene Anatomie nicht kennen und dabei selber Vulva-Analphabetin sein? Als ich das 3-D Modell der Klitoris ausdruckte, schaute mir eine Frau über die Schulter und sagte: „Wie die Klitoris aussieht, das weiß ich, aber der Rest… nee… Das ist mir viel zu kompliziert!“ Zu kompliziert?! Warum denn? Kompliziert, das ist so ein Wort das ich gerne überflüssig machen würde. Frauen sind nicht per se kompliziert, weibliche Orgasmen sind es auch nicht, Vulven erst recht nicht. Ich finde es mittlerweile übrigens weitaus komplizierter Nasen, Ohren, oder Augen zu zeichnen als Vulven. Die sind nämlich von Natur aus unfassbar vielfältig in ihrer Form. Da kann man gar nicht so viel falsch machen!

Würde ich meine erkennen?

Während meinen Recherchen zum Buchprojekt entdeckte ich das Kunstprojekt „The great wall of vagina“. Dort werden unzählige Vulven-Gispabdrücke ausgestellt. Eine der Frauen, die Modell gestanden hatte, schaute sich bei der Ausstellung alle Abdrücke an und sagt, dass es sich komisch anfühlt, dass Leute vor den Abdrücken Selfies machen: „Auch wenn ich nicht genau weiß welche meine ist.“ Plötzlich sagt sie leicht verschämt, aber auch mit einem Grinsen im Gesicht: „Aber ich glaube ich weiß es.“ (16:27)

Würde ich meine erkennen?“, fragte ich mich im selben Moment und beantwortete die Frage mit einem klaren „Nein. Niemals.“ Krass. Das musste ich erst einmal überprüfen und ich glaube, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meine Vulva mit unverhohlener Neugier betrachtete anstatt mit Ekel. So sah sie also aus. Richtig warm wurde ich mit ihrem Anblick aber nicht an diesem Tag. Das sollte sich ändern!

Was war es, was so tief in mir eine Ablehnung meines eigenen Geschlechtsteils hervorrief? Und warum bin ich damit nicht alleine?

In dem Workshop „aufbegehren! Radikale Selbstliebe!“ steigen die Workshopleiterinnen Lynn und Stella mit genau dieser Frage ein: Woher kommt die Scham, die wir in unseren Körpern tragen? „Wofür schämt ihr euch?“ Eine Teilnehmerin antwortet ziemlich spontan, dass sie sich für ihre inneren Vulvalippen schämt. Die wären zu groß und nicht schön und während sie das erzählt bricht ihr die Stimme weg und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Die Scham sitzt tief. So tief, dass wir sie manchmal nicht spüren, außer wir lassen sie zu, reden über sie, oder zeigen sie ganz offen.

Nach mehreren intensiven Workshop Stunden lassen wir die Hüllen fallen. Freiwillig. Weil dieser Workshop ein Ort ist, an dem wir der Scham ins Gesicht schauen und ihr die Stirn bieten. Wir fühlen uns sicher in diesem kleinen Kreis von Frauen und gehalten mit all unseren Gefühlen. Wer sich untenrum frei vor den Spiegel in dem Raum setzt, in dem wir einen ganzen Tag lang eine Reise zu uns selbst unternehmen, darf selbst entscheiden ob und wann sie möchte, dass die anderen Frauen dazukommen. Die Atmosphäre ist geladen voller Emotionen, aber wir geben uns gegenseitig Kraft und stützen uns.

Ich will, dass es endlich aufhört

Das hier, ist schwer. Es ist verdammt schwer sich so verletzlich zu zeigen und die eigene Vulva im Spiegeln anderen zu teilen. Es fließen viele Tränen, schwere, heiße Tränen aus dem tiefsten inneren der Seele und da ist auch Wut: „Ich will, dass es endlich aufhört!“, sagt Lynn während ihr ganzer Körper bebt. Sie teilt mit uns ihre Wut auf diese beschissenen Normen, die uns fühlen lassen, dass wir nicht gut so sind wie wir sind. Wut auf all die Tränen, die hochkommen, die Ängste, Sorgen, das Trauma, das teilweise über Jahre in jeder einzelnen von uns verborgen lag. Warum? Warum kann dieser Raum nicht voller Lust und voller Leichtigkeit sein, voller Lachen und voller Liebe? Warum? Warum braucht es diesen Workshop um die Scham zu durchbrechen und was ist mit all den anderen Frauen auf dieser Welt?

Lynns Wut ist kraftvoll und geht unter die Haut, sie verändert die Welt im Kleinen und somit auch im Großen. So wie wir alle zusammen an diesem Tag die Welt ein Stück besser machen. Denn wie wollen wir Genitalverstümmelung stoppen ohne mit den Basics der Vulva und der Klitoris vertraut zu sein? Wie wollen wir über Lust aber auch Schmerzen reden, wenn diese beiden Körperteile so schambeladen ist? Wie wollen wir es schaffen, dass Intimchirurg*innen bald arbeitslos sind, weil keine Frau mehr auf ihre sogenannten „Schamlippenkorrektur“ OPs anspringt, wenn wir nicht über Vielfalt reden und sie mit eigenen Augen sehen?

Der Mut jeder Einzelnen sich im Spiegel zu zeigen, oder sich bewusst dagegen zu entscheiden wird beklatscht, wir umarmen uns und feiern dieses gemeinsame Erlebnis. Es ist ein Entdecken, ein Staunen, ein wahnsinniges Aha! Erlebnis. Wie verschieden wir alle sind, wie verschieden unsere Vulven sind, wie schön jede einzelne ist und wie verrückt das ist mit welchem „Idealbild“ wir aufgewachsen sind. Was ist schon normal, wenn Vielfalt die Norm ist?

In diesem Sinne Viva la vulva!

(Ich habe das Wort Vulva und Vulven in diesem Artikel gezählt: 16 Mal V!!!!!!!!!!!!!!!!)

Hier ist ein kleiner Beitrag über Vulva Watching und was es verändern kann: https://www.7tv.de/paula-kommt-sexpedition-deutschland/11-vulva-watching-hilft-es-sich-selbst-wieder-schoen-zu-finden-clip

Niedliche Teddys

„Eichhörnchen sind zu politisch aufgeladen.“, erklärt mir Herr Li am Telefon und schlürft dabei Tee. Über Eichhörnchen dürfte ich jetzt nicht mehr schreiben, das würde nicht gut ankommen. Eichhörnchen beschmutzen nämlich manchmal unabsichtlich und aus reiner Blödheit, Bosheit und Blindheit das Nest, wenn sie beim Gähnen die Klappe zu weit aufmachen und frisch gemalmtes Nussmuß aus den Backen purzelt und ins Nest fällt. Wenn das dann die Eichhörchen Obersten mitbekommen, dann muss man das Lachen so tief vergraben, wie die kostbarste Haselnuss mit den meisten Kalorien. Dann geht nämlich das Dominanzverhalten los. Wer kann sich größer aufplustern und wer zieht sofort den Schwanz ein? Wer hat Bock das Nest von Nussmußkrümeln zu befreien?

Mist. Ich habe Schwanz gesagt, das ist fast so schlimm wie V.I.P. Penis. *piepPIEP“ Herr Lis Zensurgerät am anderen Ende der Leitung piept LAUT. Ich darf nicht mehr Schwanz PIEP oder ähnliches sagen. Behaartes längliches Fellteil, meinte ich natürlich.

Daher Teddys. Liebe Naturfreund*innen, ich muss euch enttäuschen! Keine Eichhörnchen mehr, die biestigen Biester müssen sich erst mal wieder beruhigen und ihr Nussmuß gemächlich verdauen.

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Niedliche Teddys, 是不是? (Ist es nicht so?) Danke liebe Teddys, dank euch wurde dieser Blog in dem früher Morgenstunden wieder ins Netz gestellt!

Die Teddys stellen noch ein Rätsel: Welches Organ fehlt in diesem Anatomiebuch von 2019?

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Und wer nicht wusste wie des Rätsels Lösung heißt, der durfte nicht nur nicht vorbei. Nein… er wurde kurzerhand verspeist!“ (Bodo Wartke, Ödipus)

Eichhörnchen

Liebe Naturfreund*innen,

Aus aktuellem Anlass schreibe ich nur noch über putzige Eichhörnchen. Danke für Ihr Verständnis und wie schön, dass Sie weiterhin meinen Blog besuchen. Es wird ab jetzt nur noch naturfreundliche und klimaneutrale Berichterstattung geben. Cctv kommt nächste Woche und dreht einen Eichhörnchentrailer. Das wird spannend.

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Geflügelte Eichhörnchen sind auch mit dabei:

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