#KeinBockaufMythen Schafft den Jungfernhäutchen MYTHOS ab!

Mythos Jungfernhäutchen – ein Trugbild sitzt tief – Badische Zeitung (17.02.2020)

Dieser Essay ist ein Versuch. Ich bin keine Wissenschaftlerin und ich bin keine Medizinerin. Ich bin noch nicht einmal Journalistin, zumindest keine ausgebildete. Ich habe Chinesisch studiert und auch wenn man meinen könnte, das wären keine guten Voraussetzungen um einen Mythos in Form eines Essays abzuschaffen, der seit Jahrhunderten tief in unserer Gesellschaft, Kultur und Medizin verankert ist, muss ich Ihnen sagen: 我可以。Ich kann das.

  • Was es braucht um diesen Mythos abzuschaffen ist die Motivation, dass ich an eine Welt glaube, in der Mädchen und Frauen frei und schamlos ihre Sexualität leben können, ohne dass sie Schlampe, Hure, oder Bitch genannt werden.
  • Ich glaube an eine Welt in der es keine Misogynie mehr gibt, in der trans und non binary Personen anerkannt werden und frei leben können.
  • Ich glaube an eine Welt, in der Frauen nicht mehr verfolgt, oder getötet werden, weil sie Sex vor der Ehe hatten, sich trennen, einen neuen Partner, oder eine Partnerin wählen.

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Ich weiß, dass eine Welt ohne Jungfernhäutchen-Mythos eine Utopie ist, aber aufgeben ist für mich keine Option, dafür ist das Thema viel zu wichtig. Ich habe die #KeinBockaufMythen Petition gestartet um das Thema in die Gesellschaft und in die Politik zu bringen. Seit ich vom Jungfernhäutchen-Mythos gehört habe, habe ich nicht aufgehört zu hinterfragen, wie es zu dem Irrglauben kommt es gäbe ein Häutchen, dass nur Jungfrauen haben und das seine Form verändert, sobald ein Penis penetrant wird.

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Copyright: Zeichnung von Stevens (aus dem Buch „Mødommen“ von Gry Senderovitz) Gipsabdruck von Mirko Hecht (@ishowflagisback)

Ich weiß von was ich spreche, wenn ich „Jungfernhäutchen“ sage. Ich kann diesen Teil meines Körpers lokalisieren, zeichnen und ohne Scham zum Thema machen. Das war viel Arbeit und ich weiß warum diese Arbeit wichtig ist. Ich stelle mich kritisch in der Öffentlichkeit gegen den bekanntesten Intimchirurgen Deutschlands Prof. Dr. Gress, der wie so viele andere auch sogenannte „Hymenrekonstruktionen“ anbietet, schreibe Medizinverlage an und argumentiere mit Frauenrechtsorganisationen wie Terre Des Femmes und Pro Familia, weil ich sehe, dass ihre Fakten beim Thema „Jungfernhäutchen“ nicht mehr aktuell sind. Ich habe Wissen und eine Stimme und ich werde sie nutzen. Ich nehme dabei in Kauf mächtigen Menschen gehörig auf die Füße zu treten und kräftig Gegenwind zu bekommen, sowohl aus der Lobby der Intimchirurgie, als auch aus religiösen Gruppen. Wer den Status quo in Frage stellt und bedingungslos für Menschenrechte einsteht, wird schnell Zielscheibe von verbaler, digitaler und körperlicher Gewalt, vor allem als Frau. Das ist mir bewusst, aber irgendeine muss den Job ja machen.

Der Jungfernhäutchen-Mythos hat mir etwas Grundlegendes gezeigt: Die Unterdrückung von Frauen weltweit basiert auf einem Machtverhältnis, in dem Männer das Sagen haben. Das nennt man Patriarchat. Das Patriarchat hat viele Wurzeln, die es am Leben erhält, eine davon ist der Jungfernhäutchen Mythos. Dadurch, dass der Großteil der Menschen auf dieser Welt immer noch meinen Frauen wären weniger „wert“, wenn sie keine Jungfrau mehr sind, Frauen müssten IMMER bluten beim ersten Mal Geschlechtsverkehr und das Aussehen eines „Jungfernhäutchens“ wäre sowas wie ein „Hatte Sie schon Sex? DNA-Test“, wachsen viele Frauen und Mädchen mit der Angst auf, ihr Hymen könne sichtbar „kaputt“ gehen. Das ist medizinischer Blödsinn, aber er hält sich sehr hartnäckig. Mit diesen Mythen möchte ich aufräumen.

Quelle: Youtube „Can you see if a woman is a virgin? Here’s the truth – Nyheterna“, TV4, 09.10.2015

Ich bin mit dem Thema Jungfernhäutchen-Mythos erst an die Öffentlichkeit gegangen, als ich am eigenen Körper verstanden habe von was ich spreche. Der Heureka-Moment kam in den Osterfeiertagen, als ich grübelnd mit einem Spiegel meine Vulva betrachtete und ziemlich verzweifelt zu Recherchezwecken nach den Schleimhautfalten suchte, die Jungfernhäutchen genannt werden. Das war nicht das erste Mal, dass ich mich auf die Suche nach dem sagenumwobenen „Jungfernhäutchen“ machte. Alle Zeichnungen, die ich in Medizinbüchern fand, halfen mir leider kein bisschen weiter und ich blieb wochenlang ziemlich ratlos. Bis auf diesen einen Moment an Ostern, an dem ich checkte, von was wir hier eigentlich sprechen. Diese kleinen, unscheinbaren Hautfalten, die den Vagina Eingang umranden, kaum sichtbar im entspannten Zustand, waren verantwortlich für so einen Stress, für so eine Angst weltweit?

Bei der Entdeckung des „Jungfernhäutchens“ haben mir die Expertinnen Mithu Sanyal und Gry Senderovitz, jede auf ihre Art und Weise sehr geholfen. Mithu Sanyal beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und bezeichnet das Jungfernhäutchen treffend als „Here be Dragons“ der Biologie, das „keinen Heiligen Georg realer als der Lindwurm auf alten Landkarten (ist).“ („Jungfernhäutchen verbieten“, Mithu Sanyal, taz, 29.04.2019) Sie ist die einzige Journalistin in Deutschland, die seit Jahren auf dieses Thema aufmerksam macht und daran arbeitet den Jungfernhäutchen-Mythos abzuschaffen.

Gry Senderovitz, Autorin des Buches „Mødommen“ übersetzt Jungfräulichkeit war Teil der dänischen TV Serie „Stop Jomfru Myten“ übersetzt „Stoppt den Jungfrauen Mythos“, in der das Thema Jungfernhäutchen durch eine Petition bis ins dänische Parlament und bis zur UN gebracht wurde.

Gry ist praktizierende Hebamme in Dänemark und half mir in praktischen Fragen weiter. Sie schaute sich ohne mit der Wimper zu zucken Fotos meiner Vulva an, die ich mit Pfeilen und vielen Fragezeichen beschriftet hatte. Auf meine verzweifelte Nachfrage, warum ich nicht sehen würde, was anscheinend so offensichtlich ist, beruhigte sie mich: „Du bist genauso verwirrt wie alle anderen Menschen auch.“ Und als ich ihr schrieb, dass ich endlich verstanden habe was das „Jungfernhäutchen“ sei, meinte sie nur trocken: „Tillykke. Herzlichen Glückwunsch.

Wir alle sind mit dem Jungfernhäutchen-Mythos aufgewachsen. Der Mythos ist global und tief verankert in uns. Allein die Tatsache, dass euch außer „Hymen“ sehr wahrscheinlich kein weiteres Wort als Bezeichnung für das „Jungfernhäutchen“ einfällt zeigt, dass auch ihr einen Teil des Mythos verinnerlicht haben. Ich werde in diesem Essay konkrete Beispiele aus verschiedenen Ländern zeigen um deutlich zu machen: Der Jungfernhäutchen Mythos existiert in Deutschland, in Schweden, in Dänemark, in Marokko, Ägypten, Somalia und auch in China. Er geht uns alle an und wir können alle etwas tun um ihn endlich aus der Welt zu schaffen! Es ist Zeit.

Quelle: Youtube, „The virginity fraud“, Nina Dølvik Brochmann & Ellen Støkken Dahl, TEDxOslo, 18.05.2017

Nicht nur in Medizinbüchern läuft uns der Jungfernhäutchen Mythos über den Weg, wir lesen noch heute Märchen mit Jungfrauen: Jorinde und Joringel ist ein gutes Beispiel dafür! Da sitzen ein Dutzend Jungfrauen inklusive Jorinde verzaubert als Vögel in Käfigen, bis Joringel der Held kommt und sie alle mit der Blume defloriert, äh erlöst… Oder Schneewittchen, die als junges Mädchen den Haushalt der sieben Zwerge schmeißt, bis der Prinz kommt und sie rettet. Oder Rapunzel, die ihr Haar herunterlässt, damit der Prinz endlich mal ran kann. Die klaren Bilder von Mann und Frau mitsamt zugeschriebenen Geschlechterrollen ziehen sich nicht nur durch Märchen, sondern durch die Literatur, die Filme, die Werbung, die Politik: Nobelpreise, Hollywood-Auszeichnungen, sexistische Werbung, Präsidentenjobs sind oftmals männlich geprägt: „It’s a man’s world.“

Utopie

Was hat das jetzt alles mit dem Jungfernhäutchen Mythos zu tun, fragt man sich? Ganz einfach. Der Jungfernhäutchen-Mythos ist ein System, das mit der Absicht entstanden ist eine bestimmte Weltordnung herzustellen, welche sich über die Jahrhunderte aufgebaut hat: Die weibliche Sexualität ist abhängig vom Mann und wird meist nicht als eigenständig und positiv wahrgenommen. So können Frauen kontrolliert werden. Der Jungfernhäutchen Mythos hätte keinen Bestand in einer Welt, in der Frauen nicht unterdrückt werden und keine heteronormativen Vorstellungen von Mann und Frau in der Gesellschaft herrschten.

In einer Welt ohne vorherrschendes Patriarchat würde der Mythos an Macht verlieren und könnte Frauen nicht mehr länger „weniger“ wert machen und deren Ausleben von Sexualität vermeintlich „ablesbar“ machen. In einer Welt, in der Frauen frei leben können, würde es einfach niemanden jucken wie die vaginale Korona aussehen würde und ob Blut zu sehen wäre beim ersten Mal, oder nicht. Es wäre sowieso total irrelevant ob ein Penis involviert war, oder nicht.

  • Die Klitoris wäre in jedem Medizin- und Aufklärungsbuch abgedruckt und der Fokus wäre nicht mehr auf der männlichen Sexualität als „Norm“.
  • Frauen hätten einige Sorgen weniger und einige Orgasmen mehr.
  • Es würde um Lust gehen und nicht um Enthaltsamkeit.
  • Geschlechterrollen würden abgeschafft werden und alle Menschen könnten frei ihre Identitäten leben, abseits des binären Frau-Mann-Mainstreams.
  • Menschen würden sich mehr mit Konsens und gewaltfreier Kommunikation beschäftigen.
  • Es gäbe weniger Gewalt, keine Morde im Namen der Ehre, keine Femizide und weniger Vergewaltigungen.
  • Ein NEIN wäre ein NEIN und ein JA wäre ein JA.

Das Patriarchat vollständig abzuschaffen ist eine Mammutaufgabe. Lasst uns klein anfangen und an einer der Wurzeln des mächtigen Patriarchates sägen, am Jungfernhäutchen-Mythos. Ich möchte meinen Kindern sagen können: „Schaut mal, das hat früher die Menschen geprägt, aber all die Angst und all die medizinisch falschen Informationen sind Vergangenheit. Da glaubt jetzt niemand mehr dran.“

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Jorinde Wiese