„Jungfernhäutchen Rekonstruktionen“ oder: Kohle machen mit der Angst

„Zu lange Schamlippen? Zerrissenes Jungfernhäutchen? Vaginale Verjüngung?“ Wer anfängt danach zu suchen, landet nicht bei Websiten die aufklären, über Körpervielfalt informieren und Mythen abschaffen, sondern bei Ärzt*innen, die mit diesen Ängsten und Mythen Geld machen. Herzlich willkommen in der Intimchirurgie, der wilde Westen der Medizin. Irgendwie darf hier jede*r machen was man will und man braucht dafür nicht einmal einen Facharzt in plastischer Chirurgie. „Ich habe mal was mit Ohren gemacht, jetzt operiere ich halt Vulven.“ Alles ist möglich. Schon 2017 warnen Ärzte vor dem neuen Trend der „Labioplastik“ in Deutschland auch schamlos „Schamlippenkorrektur“ genannt. („Labioplastik: Gynäkologen warnen vor neuem Trend“ 06.02.2017)

Hilde Atalanta hat ihr Kunstprojekt „The Vulva Gallery“ gestartet um ein Zeichen gegen die boomende Intimchirurgie zu setzen. Sie sammelt Geschichten von Frauen, die ihre Vulva malen lassen:

Die Intimchirurgie ist ein boomender Teil der ästhetischen Chirurgie, verkauft und vermarktet wird das alles mit dem Recht auf Selbstbestimmung des Körpers und mit einem Versprechen das sexuelle Empfinden der Frauen zu verbessern. Außen vorgelassen werden die psychischen Probleme der Patientinnen, der unglaubliche Leidensdruck, der durch „Idealbilder“ aus Medien und Pornos entsteht und vor allem die fehlende Garantie auf eine Operation ohne langfristige und irreparable Schäden. Es ist pervers und es ist meiner Meinung nach höchst kriminell und es steckt verdammt viel Geld dahinter. Mehr dazu in diesem lesenswerten Artikel von Susanne Donner: „Genitalverstümmelung oder Schönheits-Op. Legal beschnitten“

„Weil die ästhetische Praktik erlaubt und die traditionalistische Variante geächtet oder verboten ist, besteht die große Gefahr, dass sich die Genitalverstümmelung unter dem Deckmantel der Ästhetik ausbreitet.“, sagt die Schweizer Soziologin Dina Bader. (Der Tagesspiegel, 04.10.2018)

Ich kritisiere nicht die Frauen, die sich für eine Intim-Operation entscheiden. Ich richte meine Kritik an Ärzt*innen, die Werbung machen und von „zu langen Schamlippen“ sprechen und „Hymenrekonstruktionen“ etc. Jeder Mensch hat ein Recht auf Aufklärung vor einer Operation und die Intimchirurg*innen haben kein Interesse über Körpervielfalt, über Variationen der vaginalen Korona, oder über Vulvalippen sexpositiv aufzuklären. Das macht mich traurig und es macht mich auch wahnsinnig wütend! Es kann nicht sein, dass mit medizinisch falschen Informationen wie „Hymen durch Tampon kaputt? Wir helfen!“ geworben wird, oder versprochen wird durch eine Operation ein „normales“ Aussehen von „Schamlippen“ zu bekommen, oder zu behaupten, dass „Vagina-Straffung“ und „G-Punkt spritzen“ eine medizinische Rechtfertigung habe.

Viele Frauen haben einen großen Leidensdruck gerade wenn es um „Schamlippenoperationen“ geht. Ich nehme diese Sorgen und Ängste sehr ernst. Alle Berichte/Dokumentationen, die ich zu diesem Thema gelesen und gesehen habe zeigen mir, dass es sehr oft an Aufklärung mangelt und den Patientinnen auch anders hätte geholfen werden können.  In England kam es zu einem von der NHS (National Health Service) dokumentierten Anstieg an Labioplastik bei 9-Jährigen. Wie erklärt man das? Und wie erklärt man, dass eine 13-Jährige in Deutschland an ihrer Vulva operiert werden darf, weil sie sonst (laut dem behandelden Arzt) eine sexuelle Störung bekommen hätte. Das sind Fragen, die mich beschäftigen und die allein mit dem Argument der Selbstbestimmung nicht beantwortet werden können. Ich habe Frauen überhaupt nicht in ihre Entscheidungen reinzureden, aber ich möchte ein Bewusstsein für Alternativen schaffen. Wenn man sich für das Aussehen der eigenen Vulva schämt und sich hässlich findet, sollte man nicht sofort bei den Menschen landen, die damit Geld machen. Vieles geht auch schief: Infektionen, Vernarbungen, Taubheit. Intimchirurg*in kann sich jede*r Ärzt*in nennen und es gibt keine Operationsstandards. Die ganze Branche gibt es erst seit den 2000er Jahren und vieles hängt zusammen mit „Idealbildern“ aus Pornos. Aber was ist das Ideal? Eine Vulva eines vorpubertären Mädchens ohne sichtbare innere Vulvalippen. Darüber müssen wir reden.

Sucht man „Schamlippenkorrektur“ bei Youtube findet man dieses Video, das über 294.000 Aufrufe hat: „Schamlippenkorrektur Erfahrungsbericht: OP-Tag der Intim-Operation, innere Schamlippen verkleinern“ Das Video hat mich stutzig gemacht. Nicht nur, dass hier offensichtlich Werbung gemacht wird, sondern auch wie hier Werbung gemacht wird. Wer ist diese junge Frau? Eine Patientin? Eine Schauspielerin? Als Zuschauer*in bekommt man das Gefühl mit in den OP genommen zu werden. Echt oder ein Fake?

Auf Instagram kommt es unter einem Post von @pia_profamilia zu einer interessanten Diskussion mit Dr. Günther. Was so eine „Schamlippenkorrektur“ kostet beantwortet er fachmännisch in einem Interview: „Irgendwo zwischen 1.700 und 400.000 Euro ist alles möglich.“ (3:35) Zitat von Dr. Günther aus dem Video: „Schamlippenkorrektur 10 Fragen an Dr. Stephan Günther MOOCI

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Quelle: Instagram Post @pia_profamilia (28.06.2019)

Es folgt ein spannendes Gespräch auf der öffentlichen Instagram Seite von @pia_profamilia über das sogenannte Jungfernhäutchen, über „Hymenrekonstruktionen“, über Milchmädchenrechnungen und warum man (nur ne Meinung) einfach mal die Klappe halten soll:

dr.guenther_aesthetix @jorindeundjoringelundsoweiter

Wenn man keine Ahnung hat (nur ne Meinung) einfach mal Klappe halten 😉

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Über was möchten Sie diskutieren? Das Video oder Beleidigungen?

dr.guenther_aesthetix @jorindeundjoringelundsoweiter

Gerne über falsche Beschuldigungen?!

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Sehr gerne! Ist es falsch, dass Lisa (Ihre Praxisangestellt) im Youtube Video „Schamlippenkorrektur Erfahrungsbericht“ vom 20.06.2018 eine Patientin spielt?

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Quelle: Instagram Account @dr.guenther_aesthetix

dr.guenther_aesthetix @jorindeundjoringelundsoweiter

Sie spielt nicht, sie ist tatsächlich eine Patientin, die die Op gemacht hat. Dass sie auch bei mir arbeitet hat niemand bestritten.

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Quelle: Instagram Acount @jorindeundjoringelundsoweiter

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Tolle Art der Werbung! Total authentisch! Das konnte ich natürlich nicht wissen. Es sieht einfach sehr schlecht geschauspielert aus. Sie operieren also Ihre eigenen Praxisangestellten?

dr.guenther_aesthetix @jorindeundjoringelundsoweiter

Schon gut, aber erst mal was unterstellen, gell? Ich operiere Frauen, die das benötigen … und ob sie das benötigen entscheiden Frauen selbst, sonst keiner. Dabei ist es total egal, ob sie bei mir arbeiten oder nicht 🙂 👍

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Na dann ist ja gut.

dr.guenther_aesthetix @jorindeundjoringelundsoweiter

Übrigens zu Ihrem Jungfernhäutchen-Mythos: Wir kennen einige Damen, die getötet wurden, weil sie in der Hochzeitsnacht nicht geblutet haben. Vielleicht sollten Sie Ihren Fokus auf die Frauen lenken, die Hilfe benötigen und denen großes Übel droht, statt über die Ärzte aufzuregen, die den Frauen helfen. Selbstverständlich ist das aber auch nicht kostenlos.

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Danke darüber habe ich mir Gedanken gemacht und das Problem nehme ich sehr ernst! Ich weiß nicht, ob Sie die Petition überhaupt gelesen haben und ob Sie Hilfsorganisationen wie Balance e.V. kennen. Ich bin nicht gegen Operationen, wenn Aufklärungsarbeit und psychologische Unterstützung den betroffenen Frauen nicht helfen und sie auf einer op bestehen. Diese Operationen sollen dann im Ausnahmefall aber staatlich finanziert sein und nicht eine zusätzliche finanzielle Belastung für Frauen darstellen.

martazamira @dr.guenther_aesthetix

Also dazu habe ich einige Fragen… woher kennen Sie diese Frauen? Haben Sie sie erst nach ihrem Tod kennengelernt? Davor hätten Sie ihnen ja „helfen“ können, wie sie selbst sagen… wie aber hätte diese Hilfe ausgesehen? Sie hätten sie für viel Geld so operiert, dass eine unnatürliche Reaktion entsteht, wenn sie Sex haben, damit Menschen, die an diese unnatürliche Reaktion glauben, die besagten Frauen nicht töten?! Merke Sie selbst, ne?

dr.guenther_aesthetix @martazamira

Würde Sie persönlich denn eine unnatürliche Reaktion vorziehen oder lieber tot sein? Eine hat sich gegen die OP entschieden, eine andere erschien nicht zum OP-Termin. Von ihrer Schwester erfuhr ich dann, dass sie ins Ausland gebracht wurde und nicht mehr zurück kam …

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Das ist sehr traurig und genau wegen solchen Fällen setze ich mich für mehr Aufklärung zu dem Thema ein. Ich persönlich ziehe medizinische Versorgung vor, die in diesem Härtefall kostenlos ist und vor allem psychologische Unterstützung. Eine Operation alleine ist keine Sicherheit, da die zusammen genähten Schleimhautfalten nicht immer bluten. Möchten Sie medizinische Studien dazu lesen, oder haben Sie sonst noch offene Fragen?

martazamira @dr.guenther_aesthetix

Ich glaube ich würde vorziehen, dass mir ein Außenstehender der jedoch von meiner Lage weiß hilft, indem er mir Menschen und Organisationen an die Hand gibt… wenn für diese Frauen Lebensgefahr besteht finde ich es unglaublich, dass Sie auch noch Geld für Ihre „Hilfe“ verlangen und niemanden informiert haben. Das ist unterlassene Hilfeleistung!

dr.guenther_aesthetix @martazamira

Und schon wieder unqualifizierte Vorwürfe und Unterstellungen … Glauben Sie, dass der Arzt, der die lebensrettende Herz-OP macht, das für umsonst macht? Vielleicht denken Sie zuerst mal nach, bevor Sie sowas absondern!

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Glauben Sie, dass wir eine Krankenversicherung haben in Deutschland? Was hat denn das mit glauben zu tun? Schönheitsoperationen zählen nicht zu Kassenleistungen. „Hymenrekonstruktionen“ sind aber keine Schönheitsoperationen, sondern fallen dadurch, dass es medizinisch keine Rechtfertigung gibt und an Genitalien operiert wird unter die Kategorie weibliche Genitalverstümmelung. Nachdenken hilft.

dr.guenther_aesthetix @jorindeundjoringelundsoweiter

Oh mann, sie arme Seele … Glauben Sie was sie wollen. Keiner Frau ist damit geholfen!

just_another_lost_hippie @dr.guenther_aesthetix

Setzen Sie sich denn dafür ein, dass Hymenalrekonstruktionen Kassenleistungen werden, damit Sie noch leichter Leben retten können? Ich glaube kaum, denn dann dürften Sie die Preise nicht selbst festlegen! Wenn Sie der Wohltäter wären für den Sie sich halten müssten Sie die OP ja zum niedrigst möglichen Preis anbieten, der nur ein geringeres Honorar für Sie selbst zulässt und alle Materialkosten deckt. Tun Sie das?

jorindeundjoringelundsoweiter @just_another_lost_hippie

Danke! Genau das macht (fpz) Balance e.V. Wenn nach einer Beratung und Aufklärung die Betroffene auf einer Operation besteht (körperlich gibt es trotzdem keine Garantie für Blut…) dann wird eine Operation angeboten, deren Kosten den Arbeitsaufwand deckt ohne Profit zu machen.

jorindeundjoringelundsoweiter @hamseeeneananas

Es gibt dazu eine medizinische Studie, die beweist, dass selbst nach einer Operation nur wenige Frauen bluten. Das ist ja immer noch Schleimhaut und Schleimhaut ist flexibel. Was fehlt sind flächendeckende Studien, welche „Hymenrekonstruktionen“ analysieren und auswerten. Fest steht jedoch, dass niemand eine Blutung versprechen kann, deshalb sind diese Operationen auch keine „sichere“ Variante für betroffene Frauen.

just_another_lost_hippie @dr.guenther_aesthetix

Diesen Mythos aufzuklären ist das einzig legitime, Ihre „Hilfe“ sorgt lediglich dafür, dass der Mythos aufrecht erhalten bleibt.

dr.guenther_aesthetix @just_another_lost_hippie

Darüber sollten sie noch mal nachdenken … das ist sehr kurzfristig gedacht. Ihre Milchmädchenrechnung geht aber nicht auf! Die Frauen sind allesamt sehr aufgeklärt, nicht weniger als Sie! Ich habe so das Gefühl, sie haben keinerlei Qualifikation auf dem Gebiet … nur eine Meinung, die sie sich selbst aus ihrem Internetwissen zusammengereimt habe … Schade! Wenn Sie wirklich etwas für diese Menschen tun wollen: Bilden Sie sich selbst erst mal, statt schlaue Phrasen zu dreschen, hinter denen keine Substanz steckt 😉

jorindeundjoringelundsoweiter @dr.guenther_aesthetix

Es ist sehr kurzsichtig gedacht Operationen an Schleimhautfalten als „Rekonstruktion“ zu verkaufen. Es ist sehr kurzsichtig gedacht Frauen nicht über ihre eigene Anatomie aufzuklären (die Zeichnungen, die momentan in der Medizin existieren haben wenig mit der Realität zu tun und zeigen meist anatomische Ausnahmefälle) und vor allem keine Unterstützung anzubieten. Eine Operation ist keine Sicherheit und deshalb brauchen wir Aufklärung und Hilfsangebot und im Härtefall Ärzt*innen die operieren, ohne damit Geld zu machen.

Anmerkung:

Der Austausch mit Herrn Dr. Günther endete mit der Aufforderung ich solle ihm gerne medizinische Studien zum Thema Hymen und „Hymenrekonstruktion“ schicken. Daraufhin wurde ich blockiert. Erst ne große Klappe haben, keine guten Argumente, sexistische Sprüche ablassen und dann blockieren. Nicht mir mir Freundchen, nicht mit mir! Verarschen kann ich mich selber. Ratzupaltuff.

Change is coming, whether you like it or not

#KeinBockaufMythen Schluss mit dem Jungfernhäutchen Mythos!

Link zur Petition: http://www.change.org/KeinBockaufMythen

KeinBockaufMythen3.jpg - Kopie

DANKE! An alle Menschen, die mir Mut gemacht haben mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen.

DANKE! An über 23.000 Unterstützer*innen, die bereits die #KeinBockaufMythen Schluss mit dem Jungfernhäutchen Petition unterzeichnet haben und viele interessante Kommentare und Fragen zum Thema gestellt haben.

DANKE! An die Hollies vom Verein Holla e.V. die einige meiner Punkte kritisch hinterfragt haben und mir ein Exemplar der Broschüre „Kein Grund für Stress. Es gibt kein Jungfernhäutchen.“ geschickt haben!

DANKE! An Mithu Sanyal für die Unterstützung bei der Petition und für eine Erwähnung in der taz: „Von Dän*innen lernen. Jungfernhäutchen verbieten

Das Jungfernhäutchen wird Geschichte schreiben, indem wir den Mythos gemeinsam abschaffen! Die Erde ist keine Scheibe, die Klitoris keine Erbse und das „Jungfernhäutchen“ ist kein Häutchen, das nur Jungfrauen haben. #KeinBockaufMythen 

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Manche Menschen arbeiten schon seit Jahren intensiv daran diesen Mythos abzuschaffen:

15. JUNI 2019 

Position zum Thema Jungfernhäutchen Mythos von Holla e.v.

HOLLA e.V. ist das intersektionale Frauen*- und Mädchen*Gesundheitszentrum in Köln und setzt sich für die Gesundheit und Stärkung der Position aller Mädchen* und Frauen* in der Gesellschaft ein. Ein besonderer Fokus der Arbeit ist der kritische Umgang mit krankmachenden Machtstrukturen sowie Gewaltprävention und Empowerment. Die Expertise liegt auf der Kreuzung Sexismus/Rassismus. Holla lebt von der authentischen Arbeit vieler Frauen* und Mädchen*, die für eine gerechte und freundlichere Welt einstehen.

Broschürencover kgfs 3.Auflage

Holla e.V. – www.holla-ev.de

Der große Druck, der durch den „Mythos Jungfernhäutchen“ auf Mädchen* und Frauen*körper ausgeübt wird, zieht sich durch das ganze Leben. Die Auswirkungen reichen von dem Verbot auf Bäume zu klettern oder Spagat zu üben, über die Angst vor Tampons, bis hin zu den vielen besorgten Anfragen nach dem Erleben sexualisierter Gewalt keine „Jungfrau“ mehr zu sein. Dem wollten wir ein Ende bereiten, und die Unhaltbarkeit dieses stressenden Märchens, das sich um einen kleinen Hautkranz dreht, umfassend aufdecken.

Broschüre „Mythos Jungfernhäutchen“

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(Bild: Holla e.V.)

2016 haben wir also im Rahmen des Projektes „Kein Grund für Stress – Es gibt kein Jungfernhäutchen“ in Kooperation mit Mädchen* die erste Auflage unserer Broschüre „Mythos Jungfernhäutchen“ erstellt. In dieser belegen wir anhand zahlreicher Studien, dass man nicht sehen kann, ob ein Mädchen* oder eine Frau* Sex hatte, und dass es schlicht keine Haut gibt, die nur „Jungfrauen“ haben. Stattdessen besitzt jede Vulvina einen Schleimhautkranz, dieser sieht bei jeder* anders aus, und heilt selbst nach Verletzung immer narbenfrei ab. Niemand kann weibliche* Sexualität kontrollieren, genauso wenig wie die Sexualität aller anderen Menschen. Dazu sind die Statements vieler Menschen nachzulesen.

Worte schaffen Wirklichkeit

Um den Mythos langfristig aus der Welt zu schaffen, dürfen wir ihn nicht länger reproduzieren. Also benötigen wir neue Worte!
Unsere Lieblingslösung nach langen Recherchen und Auseinandersetzungen ist „vulvinale Korona“ oder schlicht „Schleimhautkranz“. Die Worte „Jungfernhäutchen“ und „Hymen“ scheiden aus, genauso wie die etwas bessere Lösung „vaginale Corona“. Die letzte Bezeichnung reproduziert leider das Wort Vagina, welches die lateinische Übersetzung des Wortes „Scheide“ ist. (Dieses definiert das sogenannte „weibliche“ Genital über das sogenannte „männliche“ Genital. Das stellt ein Machtgefüge her, welches unhaltbar und unerträglich ist)

Vorsicht, Rassismusgefahr!

Wie so oft in Kontexten, in denen patriarchale/sexistische Verhältnisse angeprangert werden, besteht auch hier wieder die Gefahr, dabei rassistische Schlüsse zu ziehen (schließlich ist alles einfacher, wenn man es nach außen verlagert). Der Mythos ist durch patriarchale Strukturen und Traditionen entstanden, bestärkt und geprägt, hat aber nichts mit bestimmten Religionen oder Nationalitäten zu tun. Auch dazu haben wir geforscht. Alle Ergebnisse findet ihr in unserer Broschüre „Mythos Jungfernhäutchen“, zu bestellen bei info@holla-ev.de

 

Bitte unterstützt weiter die Petition, teilt sie mit Freund*innen, redet darüber. Es ist Zeit für Veränderung! 

CHANGE IS COMING, WHETHER YOU LIKE IT OR NOT! Das geht an alle Menschen, die den Mythos aufrecht erhalten wollen, weil es ein sehr wirkungsvolles Mittel ist um Frauen Angst zu machen und sie unter Druck zu setzen. Keine Frau muss bluten und kein „Jungfernhäutchen“ muss reißen!

Schluss damit!

Jorinde Wiese

 

Klimawandel und Klitoris #maketheclitorisGREATagain

Was die Klitoris mit dem Klimawandel zu tun hat

Link zur Petition: https://www.change.org/p/president-donald-j-trump-clit-revolution-maketheclitorisgreatagain

Mal davon abgesehen, dass beide Worte mit „Kli“ anfangen, haben die Klitoris und der Klimawandel ganz schön viele Gemeinsamkeiten.

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Wissenschaftliche Fakten

Sowohl die Klitoris, als auch der Klimawandel sind durch wissenschaftliche Fakten belegbar. Ich glaube nicht an die Klitoris. Ich weiß, dass es sie gibt und vertraue auf medizinische Studien siehe „Anatomy of the Clitoris“. Wir brauchen übrigens mehr davon, die Wissenschaft hat sich lange Zeit reichlich wenig für die Klitoris interessiert! Ich glaube auch nicht an den Klimawandel, sondern ich weiß, dass 97% der Klimaforscher*innen weltweit keinen absoluten Blödsinn machen, sondern ihre Arbeit.

Zwei Meilensteine der Forschung

1824 entdeckte Jean Baptiste Joseph Fourier den Treibhaus Effekt, weil er sich die Energiebilanz verschiedener Planeten angeschaut hat und verstehen wollte, warum die Planeten unterschiedliche Temperaturen haben. In dem ZEIT Artikel „Die Erde im Schwitzkasten“ schreibt der Autor kurz vor der Weltklimakonferenz, die 2015 in Paris stattfand:

Seit fast 200 Jahren kennen wir den Treibhauseffekt. Seit mehr als einem Jahrhundert debattiert die Menschheit über die Wirkung von Kohlendioxid. 50 Jahre ist es her, dass die erste Klimawarnung an die US-Regierung erging. Jetzt beginnt in Paris der Klimagipfel. Man wird die Sanduhr nicht noch einmal umdrehen können.

„Die Erde im Schwitzkasten“, , ZEIT ONLINE, 28. November 2015

1844 also zwanzig Jahre nach Entdeckung des Treibhaus Effektes zeichnete der Arzt Georg Ludwig Kobelt eine anatomisch korrekte Darstellung der Klitoris in welcher er erektiles Gewebe, Blut- und Nervenbahnen korrekt beschrieb. Diese wissenschaftliche Darstellung hat zwar nicht die populäre Meinung der Zeit verändert, so wie auch Joseph Fury mit seinen Entdeckungen erst einmal nichts veränderte, aber immerhin zeigte es ein akkurates Bild und war aus heutiger Sicht ein Meilenstein in der Forschung.

FridaysForFuture

Über hundert Jahre später

1990 veröffentlicht der Weltklimarat IPCC den ersten Report „mit einer Expertise von mehreren Hundert Hauptautoren, bis zu 2.500 Fachgutachtern und Zehntausenden Fachkommentaren.“ („Die Erde im Schwitzkasten“, ZEIT ONLINE, , 28. November 2015)

Schon der erste IPCC-Report diagnostiziert den „menschengemachten“ Klimawandel. Zwei Jahre später wird er zur Grundlage der berühmten Klimarahmenkonvention von Rio.

(„Die Erde im Schwitzkasten“, ZEIT ONLINE, , 28. November 2015)

Das Wissen um den Klimawandel besteht schon seit 1956:

1956 veröffentlicht er in der Fachzeitschrift Tellus seine Kohlendioxid-Theorie des Klimawandels. Kassandra erscheint zum ersten Mal – mit harten Fakten. Plass prophezeit Temperatur-Erhöhungen durch „menschliche Aktivitäten“ von je 1,1 Grad in den kommenden Jahrhunderten und erklärt: „Die Klimaveränderung könnte für künftige Generationen zum ernsten Problem werden.“

(„Die Erde im Schwitzkasten“, ZEIT ONLINE, , 28. November 2015)

Erst 1998 zeigt Hellen O’Connell, eine australische Urologin, dass Kobelt absolut Recht hatte und die innen liegende Struktur der Klitoris über 100 Jahre „vergessen“ wurde. Die Klitoris war doppelt so groß wie bislang in der Medizin angenommen, verrückt oder? Trotz dieser revolutionären Entdeckung bleibt es ruhig in den Medien, die Entdeckung der Klitoris ging zwischen anderen Nachrichten komplett unter. Noch heute, 20 Jahre nach dieser Entdeckung, hört man nicht sonderlich viel von der Klitoris. Was ist eigentlich mit Helen O’Connell, der Entdeckerin der Klitoris fragte sich die Journalistin Melissa Fyfe und schrieb den Artikel „Get cliterate: how a Melbourne doctor is redefining female sexuality“(Ich habe Helen O’Connell Im Sommer 2018 kontaktiert und mich für ihre Arbeit bedankt.)

It’s been 20 years since that ground-breaking scientific paper: where was she now? What new mysteries of female sexuality had she solved? Had someone given this woman an Order of Australia?

„Get cliterate: how a Melbourne doctor is redefining female sexuality“, The Sydney Morning Herald, Melissa Fyfe, 08.12.2018

1990 und 1998 wurden also zwei sehr wichtige Dinge wissenschaftlich belegt und veröffentlicht, die in der Wissenschaft schon seit über hundert Jahren für Furore sorgten: Die Klitoris und der Klimawandel. Die Ähnlichkeiten hören damit aber noch nicht auf. Es geht erst richtig los.

Menschengemachter Wahnsinn

Dürre, Fluten, Hungersnöte, der Klimawandel hat schon heute Auswirkungen auf die Lebensumstände von Menschen weltweit:

Abnehmende Wasserressourcen, Naturkatastrophen und geringere landwirtschaftliche Erträge schlagen immer mehr Menschen in die Flucht. Der Klimawandel ist einer der Treiber steigender Migration – und könnte bis 2050 bis zu 143 Millionen Menschen dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen.

„Fluchtursache Klima – Warum die Industriestaaten jetzt handeln müssen“, Thomas Jahn, Silke Kersting, Frederic Spohr, Handelsblatt, 02.08.2018 

Bei der Klitoris zeigt sich der menschengemachte Wahnsinn in Verstümmelung des Organs. 200 Millionen Frauen und Mädchen leben laut UNICEF weltweit mit Genitalverstümmelung, die Dunkelziffer könnte doppelt so hoch sein.

Geht mich doch nichts an?

Ach, wenn es ein bisschen wärmer wird bei uns, dann ist das doch nicht so schlimm.“ Klar, wenn man Ernteausfälle, hohe Waldbrandgefahr und Hitzesommer in Deutschland ausblenden kann, dann ist echt alles schwer in Ordnung. Dann kann man auch problemlos wie Nicola Beer von der FDP von sogenannten „Fake News“ twittern, wenn es um Extremwetterereignisse geht. Ein Käffcheeplausch mit Trump wäre wohl angebracht um mal so richtig schön über Fake News zu plaudern und zu betonen, dass es gerade im Mai schneit, obwohl sich doch die Erde angeblich erwärmt. (Liebe „Klimaskeptiker*innen“ das war ironisch gemeint. Ratzupaltuff.)

Warum Donald Trump nie zum Klimaschützer wird

Rebecca Solnit hat übrigens einen tollen Artikel in The Guardian zu dem Thema geschrieben: „Why climate action is the antithesis of white supremacy“. Sie sagt sehr treffend, dass man verstehen muss wie die Dinge miteinander verknüpft sind um die Dringlichkeit von Klimaschutz zu verstehen. Weiße Vorherrschaft sei jedoch eine Ideologie der Separation:

Climate change is based on science. But if you delve into it deeply enough it is a kind of mysticism without mystification, a recognition of the beautiful interconnection of all life and the systems – weather, water, soil, seasons, ocean pH – on which that life depends. It acknowledges that everything is connected, that to dig up the carbon that plants so helpfully sequestered in the ground over eons and burn it so that returns to the sky as carbon dioxide changes the climate, and that this changed climate isn’t just warmer, it’s more chaotic, in ways that break these elegant patterns and relationships. That chaos is a kind of violence – the violence of hurricanes, wildfires, new temperature extremes, broken weather patterns, droughts, extinctions, famines. Which is why climate action has been and must be nonviolent. It is a movement to protect life.

„Why climate action is the antithesis of white supremacy“, Rebecca Solnit, The Guardian, 19.03.2019

Irgendwo in… NEIN weltweit

Genitalverstümmelung, das wird doch nur irgendwo in Afrika gemacht.“ Nein. Leider ist FGM (Female Genital Mutilation) ein weltweites Problem. Leyla Hussein setzt sich seit Jahren als Aktivistin dafür ein, dass Mädchen vor dieser Praktik verschont bleiben. Sie sagt, dass Wissen ist da, aber wir müssen etwas tun und zwar überall!

65.000 Betroffenen Frauen in Deutschland

Auch in Europa leben betroffene Frauen und vor allem Mädchen in Communities, in denen sie noch heute (in Europa) von dieser grausamen Praktik gefährdet sind. Auch wenn Genitalverstümmelung verboten ist, wird sie weiterhin in den Herkunftsländern, oder in Europa illegal durchgeführt. Auch wenn die Prozentzahlen dank Aufklärungskampagnen und Gesetzen in einigen Ländern sinken, ist es immer noch ein menschengemachter Wahnsinn, der unsagbare Schmerzen und Trauma als Folge hat.

In Zukunft wird die Zahl der Betroffenen sogar noch steigen, davon geht sowohl UNICEF als auch die „Stiftung Weltbevölkerung“ in Hannover aus. Das UN-Kinderhilfswerk sieht zwar in einigen Ländern Fortschritte beim Eindämmen der Verstümmelungen, in den 30 betroffenen Ländern sank die Rate der Beschneidungen seit 1985 von 51 auf 37 Prozent. Besonders in Liberia, Burkina Faso, Kenia und Ägypten befürworte eine Mehrheit der Bevölkerung laut Autorin Cappa ein Ende der Praxis. In Kenia, Uganda, Guinea-Bissau, Nigeria und Gambia seien Genitalverstümmelungen bereits verboten worden.

„Mehr als 200 Millionen Frauen betroffen“, tagesschau.de,  08.03.2019

Beide Themen gehen uns etwas an und gerade als Menschen, die nicht unter den verheerenden Folgen leiden müssen, ist es wichtig sich für Veränderung stark zu machen. 

KlitorisKlima

Make the world GRETA again #100Jahrenixpassiert

Mit dem gelben Mantel und dem Pappschild sieht das irgendwie verdächtig nach Greta Thunberg aus. Das war Zufall. Trotzdem frage ich mich manchmal warum es so „radikal“ scheint, wenn man einfach nur Fakten zitiert und auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam macht. Greta Thunberg sagt nichts neues, sie sammelt nur was längst erforscht ist und packt es in eigene Worte. Plötzlich tut sich was auf der Welt!

KlitorisKlima4

Anlässlich der #FridaysforFuture Bewegung gingen am 15. März 2019 weltweit 1,6 Millionen Schüler*innen in 2000 Städten in 125 Ländern auf die Straße. Währenddessen wird die #clitrevolution immer internationaler. Elvire und Sarah treffen in der vierten Episode der Serie „Clit Revolution“ die Künstlerin Sophia Wallace und tragen eine riesige Klitoris Statue bis vor den Trump Tower. Chapeau.

Make the clitoris GREAT again

Ich komme mir manchmal echt komisch vor, wenn ich über die Klitoris spreche. Nicht weil es peinlich ist, darüber zu sprechen, sondern weil absurd ist. Die Fakten sind seit so vielen Jahrzehnten/Jahrhunderten da und trotzdem sind viele anatomische Zeichnungen noch immer nicht auf dem neuesten Stand. Die Lizenz des 3D Klitoris Modell der Forscherin Odile Fillod ist zwar online frei verfügbar, aber es nutzen nur wenige Menschen dieses Angebot!

Es gibt viele Dinge, die mir lieber sind als auf der Straße Studierende zu fragen was denn dieses 3D Modell sei: „Hallo Klitoris!“ (uniTV Freiburg) Aber hey, irgendeine muss den Job ja machen!

KlitorisKlima5

Ähnlich ist es beim Klimawandel: Die Zahlen der Forschung sind da, aber trotzdem steuern wir mit Karacho am Pariser Klimaabkommen und dem 1.5 Grad Ziel vorbei, wie man in der Sendung der Anstalt am 09.04.2019 sehr schön bildlich sehen konnte. Richard David Precht äußert sich auch zu dem Thema. Ich freue mich, dass fast 4 Millionen Menschen dieses Video gesehen haben. Er sagt nämlich im Gegensatz zu Felix Lobrecht sehr viele sinnvolle Sachen:

Lange Rede kurzer Sinn

Die Klitoris und der Klimawandel sind real, sie sind wichtig und betreffen uns ALLE. Übrigens kann man beides kleinreden und die Wichtigkeit von beiden leugnen.

Ja das geht, kein Spaß.

KlitorisKlima6

Sei realistisch. Plane ein Wunder!

#KeinBockaufMythen – Schluss mit dem Jungfernhäutchen Mythos!

Deine Stimme zählt, unterschreibe hier die Petition auf change.org http://www.change.org/KeinBockaufMythen

Weltweit leben Frauen und Mädchen in Angst, weil der Mythos des sogenannten „Jungfernhäutchen“ sich in den Köpfen der Menschen hält. Es handelt sich dabei lediglich um dehnbare Schleimhautfalten, die ein Überbleibsel der Evolution sind und kein Beweis für Jungfräulichkeit darstellen! Seit Oktober 2018 sind „Jungfrauentests“ von der UN als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Trotzdem hält sich der Mythos hartnäckig! Das will ich ändern! #KeinBockaufMythen

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Foto: © Christopher Ortmann

Auch deutsche Mediziner*innen tragen zur Aufrechterhaltung dieses längst überholten Aberglauben bei, indem sie beispielsweise „Hymenrekonstruktionen“ anbieten. Diese medizinisch nicht zu rechtfertigenden Eingriffe sind in Dänemark ab Juli 2019 gesetzlich verboten. Was ist mit Deutschland? Wie lange wollen wir den Mythos des Jungfernhäutchens noch aufrechterhalten?

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Zeichnung: © Lisbeth Stevens      Foto: © Mirko Hecht @ishowflag

Ich habe #KeinBockaufMythen und fordere: Schluss mit dem Jungfernhäutchen Mythos!

In Schweden wurde das Wort schon 2009 durch die Bezeichnung „vaginale Korona“ ersetzt. Die Form der Schleimhautfalten, die auch Hymen genannt werden, haben nämlich nichts damit zu tun, ob eine Frau bereits Geschlechtsverkehr hatte, oder nicht.

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©Anna Beil (01.09.2017 Like a Virgin? Mithu Sanyal über den Mythos des Jungfernhäutchens)

Mithu Sanyal schreibt im Artikel: „Vaginale Corona: Der Mythos“ (06.09.2010 erschienen in der EMMA)

„Sprache bestimmt wie wir denken“, erkannte die „Schwedische Vereinigung für aufgeklärte Sexualerziehung“ (Riksförbundet För Sexuell Upplysing – RFSU) und entschied, das ideologiebeladene „Jungfernhäutchen“ (Schwedisch mödomshinna) einfach abzuschaffen und durch den Begriff „vaginale Korona“ zu ersetzen.

„Der mythische Status des Jungfernhäutchens hat viel zu lange viel zu viel Unheil angerichtet. Dabei gibt es überhaupt keine Haut, die anzeigt, ob eine Frau Jungfrau ist oder nicht. Wir wollen Informationen darüber verbreiten, wie der Körper wirklich funktioniert, und dafür benötigen wir eine Sprache, in der das auch kommunizierbar ist“, erklärt Asa Regnér, die Generalsekretärin der RFSU.

Der Jungfräulichkeits Schwindel

4,668.105 Aufrufe: Zwei norwegische Medizinerinnen klären in einem TED Talk „The virginity fraud“ über den Mythos des nicht existierenden (im Sinne von: Diese Schleimhautfalten/vaginale Korona haben nichts mit Jungfrau sein zu tun) „Jungfernhäutchens“ auf:

Wissenschaftlich widerlegt

Das ist mir nicht wissenschaftlich genug“, sagte ein Freund, nachdem er den TED Talk gesehen hat. Ja doch, genau das ist es. Medizinische Studien (und der normale Menschenverstand) zeigen, dass man keiner Frau ansehen kann ob sie schon Sex hatte, oder nicht und dass das Hickhack, welches um diese verdammt unterschiedlich gewachsene (oder nicht vorhandene!) Schleimhautfalten/vaginale Korona gemacht wird, völlig überholt ist von der Wissenschaft.

Blutgeld

An der Angst von Frauen und an dem Mythos des „Jungfernhäutchens“ verdienen Intimchirurg*innen goldene Nasen. In einem Interview bezeichnet die dänische Politikerin Karen Ellemann das als Blutgeld:

 

In Deutschland sind diese Operationen weiterhin legal, auch wenn sie keinerlei medizinischen Grund haben. In Dänemark werden ab Juli 2019 sogenannte Hymen „Rekonstruktionen“ per Gesetz verboten. Ich habe mit großem Interesse die Debatte in den Dänischen Zeitungen verfolgt und Kontakt aufgenommen zu einer dänischen Autorin Gry Stevens Senderovitz, die zusammen mit einem Rechtsmediziner Jørgen Lange Thomsen das Buch „Mødommen“ über das Hymen geschrieben hat.

In Dänemark tut sich etwas, das Thema wird in der Öffentlichkeit diskutiert und ich arbeite daran, dass es bald englische/deutsche/französische Untertitel für dieses Video der Kampagne #StopJomfruMyten gibt:

Auch Mithu Sanyal hat über das Thema im Missy Magazine geschrieben: https://missy-magazine.de/blog/2017/09/01/like-a-virgin/

In Dänemark wurde also der Vorschlag der Gesundheitsministerin angenommen und es kam zu einer Gesetzesänderung. Diese verbieten den Eingriff der „Hymenrekonstruktion“, um den Mythos des sogenannten „Jungfernhäutchens“ endlich zu stoppen. Verrückt, dass trotz dieses Gesetzes in den Medien immer wieder zweideutige Zeilen darüber geschrieben werden, wie z.B. im Stern „Dänemark verbietet Konstruktion von „künstlichen“ Jungfernhäutchen“

„In Dänemark gibt es nur wenige Kliniken, die Eingriffe, bei denen das Gerissene Jungfernhäutchen, auch Hymen genannt, wieder rekonstruiert wird.“

Anstatt zu schreiben: In Dänemark gibt es nur wenige Kliniken, die medizinisch nicht zu rechtfertigende Eingriffe vornehmen, bei denen die vaginale Wand aufgeritzt und Gewebe zusammengenäht wird, in der Hoffnung, dass es aufreißt und blutet beim Geschlechtsverkehr.

Munterer Mythenwahnsinn

Indem die Autorin von „reißen“ und „rekonstruieren“ spricht, benutzt sie genau dasselbe Vokabular, welches den Mythos des sogenannten Jungfernhäutchens bis heute am Leben erhält und vielen Menschen super in den Kram passt.

Leider ist es mit einem Verbot nicht getan. Es muss natürlich trotzdem Hilfsangebote für Frauen geben, die sich in dieser Notsituation befinden. Denen bringt das Verbot, ohne Hilfe in Form von Aufklärungsangeboten und Unterstützung nichts. Um den „Jungfernhäutchen“ Mythos zu beenden und ohne Angst zu leben braucht es Hilfe von außen und ein Umdenken in unserer Gesellschaft. Der Verein BALANCE setzt sich dafür in Deutschland ein. Kapseln mit Kunstblut und andere kreative Möglichkeiten gibt es schon heute um den Mythos aufrecht zu erhalten, ohne eine unnötige Operation für mehrere tausend Euro durchzuführen.

Was ist mit Deutschland? Wie lange schauen wir noch bei mittelalterlichen Praktiken zu und halten Mythen am Leben, die im schlimmsten Fall das Leben von Frauen kosten?

Wie begründet man eigentlich die Tatsache, dass Intimchirurg*innen munter auf ihren Webseiten werben dürfen mit Beiträgen, die an Satire erinnern, aber leider bitter ernst gemeint sind? Wie kann es überhaupt legal sein, dass diese Ärzt*innen medizinisch falsche Informationen zu Werbezwecken nutzen dürfen? „Jungfernhäutchen durch Tampon kaputt? Wir können helfen!“ So ein BLÖDSINN! Ein Hymen geht nicht durch einen Tampon „kaputt“, wie kann man IHNEN helfen das zu verstehen? Was haben Sie studiert? Mythenkunde oder Medizin?

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Ich habe #KeinBockaufMythen – das Leben könnte so schön sein ohne Mythen!

Weißt du was es für viele Frauen und Mädchen auf dieser Welt bedeuten würde, wenn es wirklich kein „Jungfernhäutchen“ gibt?“, fragt mich derselbe Freund, der die Wissenschaftlichkeit angezweifelt hat. „Ja, VERDAMMT viel!“, sage ich „Deshalb mache ich mich dafür stark.“

„In die Fotze ballern“ – WITZIG?

Seit der Diskussion um Annegret Kramp-Karrenbauers „Witz“ über das dritte Geschlecht, habe ich mich wieder vermehrt gefragt: Was darf eigentlich Comedy, wenn es um Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie, Homophobie und Transphobie geht?

In der Karnevalszeit erlaubte sich Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Büttenrede diesen Aussetzer, für den sie sich öffentlich nicht entschuldigt, sondern sogar gerechtfertigt hat:

„Guckt euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen! Das ist für die Männer, die nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen oder schon sitzen müssen! Dafür – dazwischen – ist diese Toilette“, ruft sie in die Runde. Das Publikum lacht und applaudiert zustimmend. Ich hingegen fasse mir an den Kopf und frage mich: Geht es eigentlich noch, Frau Kramp-Karrenbauer? (Ole Siebrecht, ze.tt, „Warum der Witz von AKK über das dritte Geschlecht einfach nur würdelos ist“)

Ein Witz hat eine Pointe, eine abfällige Bemerkung nicht

Wie es der Zufall so will, stolperte ich vor kurzem über dieses Video von 1LIVE mit der Beschreibung „Felix Lobrecht interessiert sich jetzt auch für Mädchen und hat uns über Verhütung aufgeklärt. 🍌😂“ Nicht nur AKK greift in ihrer Themenwahl buchstäblich ins Klo, auch der viel gelobte Felix Lobrecht schafft das mit links.

Um was geht’s?

Felix Lobrecht hat zufällig eine Broschüre über Verhütung gelesen, weil er angefangen habe sich für Mädchen zu interessieren. Für Mädchen?! Wie alt bist du Felix? Dabei sei ihm dieser krasse Unterschied bei den Verhütungsmethoden zwischen Männern und Frauen aufgefallen: „Verhütung bei Frauen, das ist Wissenschaft. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger verkopfter Forschung. Da wurden Nobelpreise für vergeben. Irgendwelche abgefahrenen Kupferspiralen, die man sich irgendwie so vaginal… (Gelächter) ok vaginal klingt so derbe, also irgendwelche abgefahrenen Kupferspiralen, die man sich so in die Fotze reinballert. (großes Gelächter) Spaß, (…) die man sich so scheidal einführt.“ (Felix Lobrecht bei der 1LIVE Köln Comedy-Nacht XXL, Minute 1:00-1:41)

Offensichtlich hat Felix Lobrecht nicht nur keine Ahnung von Kupferspiralen, die sich niemand irgendwo „reinballert“, sondern auch überhaupt kein Interesse daran einen Beitrag zur Aufklärung zu liefern. Total daneben, aber viele Leute lachen sich schlapp. Der WDR sendet. „In die Fotze ballern“ – WITZIG.

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Fotze. ballern. Sexistische Kackscheiße.

Meine Fresse, da hat einer so eine Bühne, bekommt über 3 Millionen Klicks und könnte so viel Sinnvolles zum Thema Verhütung sagen! Warum tut man das? Für die Lacher? Weil es irgendwie geil ist FOTZE auf einer großen Comedy Bühne laut zu sagen, oder etwa weil er einfach „unfassbar clever“ ist?

Lobrecht ist derb und kennt kaum Grenzen, ohne Frage. Doch genau das ist es wohl, was die Leute immer wieder anzieht, denn die Witze sind weder plump und selten niveaulos, sondern fast immer auf den Punkt und gelegentlich einfach unfassbar clever. Natürlich spielt auch er sich mit den üblichen Hannover-Klischees und witzelt darüber, dass der Auftritt in Schwerin wohl doch nicht so ganz glorreich verkauft gewesen sei; selbst die bayerische Sprache wird natürlich ein wenig veräppelt, indem er laut über die Vielseitigkeit des Wortes „Fotze“ im Bairischen nachdenkt, da es neben dem Verb einer gewalttätigen Aktion und dem pejorativen Ausdruck für einen weiblichen Menschen auch einen Begriff für das Sprechorgan, den Mund, darstellt. Und dann beginnt man plötzlich selbst zu schmunzeln. (Ludwig Stadler) Hier zu lesen: kenn ick. – Felix Lobrecht im Schlachthof  (Bericht)

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Das war die offizielle Antwort von 1LIVE. Humor ist also ein Geschmackssache, alles klar!

Fragen für Felix:

Beim Thema Verhütung gibt es so viele skurrile Tatsachen über die man aufklären könnte! Warum kam denn die Pille für den Mann nie auf den Markt? (Hoppla, sie hatte Nebenwirkungen!) Warum ist die Verhütungsmittel-Industrie sexistisch?

„Pharmakonzerne verdienen gut an der aktuellen Situation. Die Pille ist ein Milliardengeschäft. Keine einzige der großen Firmen forscht momentan im Bereich männlicher Verhütung.“ (Luise Strothmann und Sohini Chattopadhyay, taz, „Die Pille für den Mann, Da kommt noch was“ 22.08.2018)

Warum simuliert die Hormonpille eine künstliche Regelblutung, obwohl das keinen medizinischen Mehrwert hat? (Katholische Kirche lässt grüßen!) Wie du siehst gibt es viele wichtige Fragen zu dem Thema! Um sich diesen Fragen jedoch zu stellen, muss man ein bisschen mehr drauf haben als sich nur über die Worte „Kondom, Diaphrrragma und co.“ lustig zu machen und festzustellen, dass diese Bezeichnungen irgendwie abturnend sind. Weißt du was richtig abturnend ist lieber Felix? „In die Fotze ballern“, das ist abturnend. Da hüpft meine Kupferspirale im Zickzack und hat Bock dir eine zu ballern, aber nein das wäre ja… Total daneben! So wie der Schwachsinn den du als „Humor“ verkaufst.

Sexistische Kackscheiße auf Hochglanz poliert

Herzlichen Glückwunsch zu dieser grandiosen komödiantischen Meisterleistung. Kein einziger Mehrwert, keine einzige sinnvolle Information zu diesem wichtigen Thema! Stattdessen: Sexistische Kackscheiße auf Hochglanz poliert, vom WDR gesendet und von über 3 Millionen Menschen online angeschaut. Bravo!

Homophobie WITZIG?

Der ganze Spaß geht noch weiter! Während ich das Programm „Der Adolf in mir“ von Serdar Somuncu noch einmal anschaue um daraus zu zitieren wird mir schlecht. Meine Hände zittern und in mir krampft sich alles zusammen. Ich wünschte, Serdar Somuncu würde sein Comedy Programm, das durchaus auch viele gute und pointierte Inhalte hat, ohne homophobe Ausfälle machen, dann müsste ich den folgenden Mist nicht zitieren. Tut er aber nicht. Nach dem Motto: „Ich mache alle Minderheiten fertig“, verbreitet Serdar Somuncu seinen homophoben Scheiß und die Leute lachen. Die Frage ist wie lange noch?

Los geht es bei Minute 24:15

Es kommt darauf an was man vorher im Mund hatte. Scheiß Schwule. (Gelächter) Ich meine den Pflaume. Kommen nach Deutschland und nehmen uns Türken (unverständliches Geschrei) Ich bin durch und durch heterosexuell. Ich lasse mir doch hinten nichts reinstecken, da kommt bei mir was raus. (Gelächter) In was für einer degenerierten Gesellschaft leben wir, in der sich Männer gegenseitig irgendwelche Körperöffnungen größer und kleiner machen und wenn es nicht reicht sich sogar von Pferden nehmen lassen. (Gelächter) Nachdem sie den Gaul vorher mit Pheromonen eingerieben haben. (Gelächter) Weil sie geil werden auf nackte Pferde. Pferde sind in der Regel immer nackt und der Gaul hat auch keine Ahnung wo er aufhören muss, der zieht einfach durch: RAMMELN! (Gelächter) Und der Typ ist tot, vorher war er noch geil. (großes Gelächter) Jetzt ist er tot, aber geil tot. (Serdar Somuncu muss selber lachen)

Serdar Somuncu – Der Adolf in mir, 03.01.2016

Wenig später sagt er noch: „Je größer die Krise, desto banaler die Ablenkung. Deshalb hat es was von Mittelalter was wir gerade erleben, deshalb lohnt es sich zu hinterfragen.“ (Minute 25:30) Der einzige, der im Mittelalter stecken geblieben ist ohne zu hinterfragen und sich an homophoben „Witzen“ aufgeilt, scheint er selber zu sein.

Warum tut man das?

„Ich habe mich immer auf das Abstraktionsvermögen meiner Zuschauer verlassen. Jeder, der ein Theater betritt weiß, dass das was er sieht, nicht echt ist. Der Schauspieler spielt eine Rolle und er identifiziert sich mit ihr, damit der Zuschauer ihm glaubt, was er sagt. Mit dem Applaus endet diese Illusion. Ähnlich funktioniert es beim Kabarett. Jeder weiß, dass Kabarett von Ironie und Andeutungen lebt und dass der Kabarettist nicht immer unbedingt sagen muss, was er wirklich denkt. Wer das vorsätzlich missversteht, öffnet ein weites Feld von Anschuldigungen und Verdacht.“ (Serdar Somuncu, „Oliver Polack – eine Analyse, 05.11.2018)

Seine eigene Einstellung: „Ich beleidige flächendeckend. Erst wenn es alle trifft ist es gerecht verteilt. Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“, ist für mich keine Entschuldigung. Die Einstellung: Ich mache mich eben über alle lustig und bin nicht verantwortlich für Missverständnisse ist doch kein Freifahrschein für Homophobie! Es wird übrigens nicht besser, als Somuncu von seinem eigenen „super geilen Schwanz“ erzählt und wie Deutsche „in der Dusche rubbeln, weil sie alle latent homosexuell“ sind. (Minute 51:10) Ich erspare euch die Details.

Kotz. 

In diesem Video steht Serdar Somuncu Rede und Antwort zum Vorwurf, dass er ein Problem mit Homosexuellen habe:

Am weltweiten Tag gegen Homophobie trifft Michi Koppel, ein Reporter von on3 Serdar Somuncu in München. Das Gespräch beginnt damit, dass Somuncu feststellt, dass ein Tag gegen Homophobie ja eine doppelte Verneinung sei. Genau das ist es, ansonsten wäre es ein Tag für Homophobie und die will ja keiner (zumindest wünsche ich mir das!) haben. „Dafür gibt es einen internationalen Tag?“ Ja genau, zum Glück. „Ah, dann ist die schwule Bewegung noch nicht am Ziel? Warum fragst du mich das?“ Mensch Serdar, denk doch mal nach! Der Reporter fragt dich das gerade, weil es eine Chance ist für dich zu sagen, dass du nicht homophob bist. Stattdessen bekräftigst du dieses Bild mit deinen Antworten. Ja, die Lesben- und Schwulenbewegung ist noch nicht am Ziel, auch wenn 1994 Homosexualität in Deutschland (endlich) straffrei gemacht wurde. Weltweit werden homosexuelle Menschen diskriminiert, verfolgt, getötet.

Anstatt irgendwie sinnvoll auf den Homophobie Vorwurf einzugehen, redet Somuncu den Vorwurf klein, nach dem Motto er sei einfach nicht verantwortlich für die Missverständnisse, die aus seiner Arbeit entstehen. Außerdem habe er ja auch schon zahlreiche Preise „für Gegentoleranz und für mehr Verständnis unter unterschiedlichsten Völkergruppen“ (Minute 1:39) bekommen. Gemeint ist hier wohl der Preis für Toleranz und Zivilcourage im Jahr 2011. Das mag ja alles sehr lobenswert sein, doch das eine macht das andere leider nicht besser. Überhaupt sei es merkwürdig, konstatiert Somuncu, dass sich die Leute immer nur über ihre eigene Diskriminierung beschweren und nicht über die der anderen:

Stattdessen werde „Lobby-Echauffage“ betrieben, und es sei eines seiner Ziele, „dies zu entlarven“. Das Problem ist nur: Die wenigen Ausschnitte, die der BR-Beitrag aus dem Schaffenswerk Somuncus zusammenfasst, zeigen keine Witze auf Meta-Ebene, wie er behauptet, sondern homopbobe Schenkelklopfer, die doch eher seine als die Homophobie des Publikums entlarven. Und was soll die Meta-Ebene überhaupt sein? Wenn Somuncu derart missverstanden werden kann, hat er ein Problem, nicht Niggemeier. (nb, „Serdar Somuncu weist Homophobie-Vorwurf zurück“, 19.05.2011)

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Auf den Artikel von Stefan Niggemeier „Serdar Somuncu“, antwortet ein Nutzer glamorama in einem Kommentar am 19. April 2011 sehr treffend:

Ich habe Somuncu vor einigen Jahren live erlebt — und auch mir ist das Lachen im Halse stecken geblieben, als zwischen seinen bissigen, immer in höchstem Maß ironischen Kommentaren plötzlich so ein schwulenfeindlicher Spruch kam. Auch ich hatte das Gefühl, dass der Spaß in diesem Moment verschwunden war und Somuncu das wirklich ernst meinte.

Ich weiß nicht was schlimmer ist: dass Menschen auch im 21. Jahrhundert noch homo-feindliche Witze machen, dass sie das in der Öffentlichkeit (auf der Bühne, in der Zeitung, im TV) machen dürfen, dass die Masse tatsächlich darüber lacht oder dass von denen, die nicht lachen, keiner lautstark widerspricht. (…)

Ich widerspreche. Vielleicht nur ganz leise und nur auf diesem Blog, aber ich widerspreche. Das hat nichts damit zu tun, dass ich keinen Humor habe. Das Programm von Serdar Somuncu habe ich mir zu Ende angeschaut, weil er durchaus auch viele spannende Sachen sagt.

Große Porno Pointen

Stefan Niggemeier schreibt in einem FAZ Artikel zu dem Thema:

In seinem Internetprogramm „Hate Night“ erzählt er, wie sehr es ihn vor Hella von Sinnen und Anne Will ekelt. Er hetzt darin so überzeugend gegen Lesben, dass es egal ist, ob er da womöglich eine Rolle spielt und das demaskierend meint: Die Show ist geilster Porno für Lesbenhasser. (Stefan Niggemeier, 17.04.2011, „Serdar Somuncu„)

Hier ist ein Ausschnitt aus einem Interview mit rp-online:

Anne Will scheint Sie auf jeden Fall zu verstehen. Ihre Figur aus der Hate Night hat sie ja wegen ihrer Homosexualität angegriffen. Kürzlich haben Sie Frau Will allerdings für die Arte-Reihe „Durch die Nacht mit…“ getroffen. (Sebastian Dalkowski, 19.03.2013, „Es ist nie gut, wenn Leute machen, was sie wollen“ rp-online)

Antwort von Serdar Somuncu:

„Allein dass ich mich in der Sendung mit ihr treffe, zeigt ja, dass das, was ich in der Hate Night gesagt habe, nicht wahr gewesen ist. Meine Figur ist in dieser Passage klar ironisch. Aus der Perspektive eines heterosexuellen, ziemlich sexistischen Mannes beschwere ich mich über lesbische Frauen, die uns nicht mehr in Anspruch nehmen wollen, weil sie sich selbst genug sind. Da bediene ich ganz klar Klischees, wenn ich zum Beispiel sage „Ich mag die alle nicht, aber wenn sie in Pornos an sich herumfummeln, finde ich es geil“. Ich habe ja für Anne Will gesprochen, indem ich vorgemacht habe, wie Leute schlecht über sie reden.“

Mag ja sein, dass dieser Teil für dich „klar ironisch“ war. Erklär mir bitte noch einmal dieselbe klare Ironie an dem Pferde“witz“ in dem der Mann totgeil war. Mir blieb der Witz und die Ironie (?!) nämlich im Hals stecken.

Frauen sind auch sexistisch

Ja. Frauen können auch sexistisch sein, genau so wie Menschen, die Diskriminierung erlebt haben selber auch rassistisch sein können. Wie passend, dass ich nach meinem Einwand an die Jury des Freiburger Kleinkunstpreises zu den sexistischen Strophen in Florian Wagners „schnelles Liebeslied“ mit der Antwort abgespeist wurde, dass auch Frauen in der Comedy Szene sich des Sexismus bedienen.

Genannt wurden Hazel Brugger, die eine Bemerkung über Felix Lobrechts Penis gemacht hat: „Wenn ich einen Penis hätte, dann würde er so aussehen wie Felix Lobrecht. Also so mittel.“ und Helene Bockhorst, die auf einer Bühne lasziv an einer Cola Flasche lutscht. Überhaupt würden Männer, die sexistische Bemerkungen machen, doch eh in der untersten Schublade landen. Nein. Sie landen in der obersten, auf großen Bühnen, bekommen Preise und werden beklatscht von den Menschen, die noch darüber lachen können.

Wie lange noch?

Mund auf, Penis rein: Warum wir reden müssen!

Liebe Jori,

Du bist 19 Jahre alt und wirst in fünf Jahren über deine Erlebnisse mit sexualisierter Gewalt schreiben. Öffentlich. Es wird dir egal sein was die Leute denken, weil du weißt, dass du NICHT alleine damit bist. Sexistischer Kackscheiße hast du bis dahin ein für alle Mal den Kampf angesagt!

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„Wir haben das Glück, uns über die Freiheit und Liebe Gedanken machen zu dürfen und die Kämpfe derer weiterzuführen, die damit angefangen haben, und wir sollten es tun. Wir tun es nicht nur für uns selbst. Ich habe in den dreißig Jahren, in denen ich lebe, schon an vieles geglaubt, an die Liebe und die Hoffnung und an einzelne Menschen und an mich selbst und jeden Glauben zwischendurch verloren und wiedergefunden. Ich habe an Gott geglaubt und daran, dass es Gott nicht gibt. Ich habe an Gedichte geglaubt und an Bilder, an Meditation und an Statistik, ans Fragen und ans Antworten. Ich habe an Einsamkeit und an Gemeinsamkeit geglaubt, an Schnaps und Musik und die Freiheit, und dann wieder auf die Fresse bekommen. Ich habe ans Aufstehen und ans Liegenbleiben geglaubt, an die Ruhe und an den Sturm, und ich weiß nicht, was noch kommt und woran ich in meinem Leben noch glauben werde, aber ganz sicher niemals ans Schweigen.“ ( S.230 aus: Untenrum frei, von Margarete Stokowski)

Ende Januar 2019 wirst du bei einem Poetry Slam auf der Bühne stehen und zum ersten Mal diese Geschichte vortragen. Es ist deine Geschichte und doch ist sie auch die Geschichte von so vielen Frauen* und Männern* die Ähnliches erlebt haben. Es geht um eigene Grenzen und um das Gefühl „funktionieren“ zu müssen. Das betrifft uns alle! Dein Text wird andere zum Nachdenken bringen. Nach dem Poetry Slam werden Menschen auf dich zukommen und ihre eigene Geschichte mit dir teilen. Du bist nicht alleine, glaub mir.

Du bist mutig und stark! Vergiss das nie.

Deine Jori (24)

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Der Poetry Slam Text „Waldspaziergang“ ist hier zu hören

Ein kleiner Auszug aus dem Text:

(…) Sexualisierte Gewalt? JA, aber…

Ich habe ja nicht nein gesagt, ich habe nicht nach dir getreten, bin nicht weggelaufen. TROTZDEM.

Der Ekel bleibt, die Scham das gemacht und erlebt zu haben.

Über die Jahre verdränge ich, so gut, dass ich heute fast vergessen habe wie du aussiehst.

Du warst nicht bedrohlich, das ist ja das verrückte, aber damals im Wald habe ich gefühlt, dass ich keine Wahl habe, dass es genau so normal ist und dass ich funktionieren muss.

Heute kommt Wut in mir hoch, wenn ich an dich denke, wie du mich an der Hand durch den Wald geführt hast.

„Willst du mir einen blasen?“, fragst du so als ob du sagst: „Willst du mir die Schnürsenkel binden?“ „Willst du auch einen Kaugummi?“ „Willst du was essen?“

Verdammt. Das ist doch nichts was man bestellt, was man einfordert und sich „machen lässt“.

Wenn ich höre wie manche Witze darüber reißen, denke ich innerlich: Bitte, bitte hört auf damit! Doch diese Gedanken sind so leise, dass sie wie mein Murmeln damals im Wald verschwinden.

Hör auf. Hör auf. Hör auf.

HÖR AUF! Sage ich zu mir selber, hör verdammt noch mal auf dich dafür zu schämen! Fünf Jahre nach diesem Waldspaziergang teile ich nun diesen Text.

Nicht weil ich ein Opfer bin, nicht weil ich Mitleid will, darum geht es mir nicht. Ich will Mut machen solche Geschichten zu teilen, Mut machen, dass man sich NIEMALS dafür schämen muss. Ich bin mir sicher, dass irgendjemand hier etwas Ähnliches erlebt hat. Du bist nicht alleine und bitte, bitte schäm dich nicht!

Scham ist ein giftiges Gefühl und ich stehe hier nur, weil ich möchte, dass wir uns alle ein bisschen weniger schämen vor uns selber, vor unseren Partner*innen oder Freund*innen. Mit meinen eigenen Geschichten möchte ich ein Beispiel dafür geben, dass es sehr wohl möglich ist gegen die Scham anzukämpfen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es uns allen besser gehen würde ohne Tabus in unserem Leben. Es macht stark, wenn man Geschichten teilt, die man sich nie getraut hat zu erzählen.

Wie Hannah Gadsby sagte: “Nothing is stronger than a broken woman, who has rebuilt herself.

Vulva

Blumenbild als kleine Aufheiterung zwischendurch *uffschnuufe*

Danke für diese Nachricht, die mich vor kurzem erreicht hat und sicher vielen anderen genauso viel Mut macht wie mir:

Was deine Worte, die Wake-Up Comedy, der Poetry Slam Text, Positives in anderen auslösen und wie viel internalisierte Scham sie durchbrechen, ist vielleicht nicht immer sofort sichtbar und greifbar – doch es ist sowas von da! Ich denke da an die Stille, als du Waldspaziergang beim Slam vorgetragen hast, an den riesigen Applaus, der so viel ausgedrückt hat, finde ich. An die Gespräche, die ich mit Freundinnen danach geführt habe, wenn ich von dem Slam, oder der Wake Up Comedy erzählt habe oder neulich, als eine Freundin von deinem Beitrag über die Klitoris erzählt hat und dein geflügeltes Einhorn für andere zur Erklärung aufgemalt hat. Was du machst, hat echt eine enorme Wirkung und es ist so wichtig und genial, dass du es machst – wenn auch sicher nicht immer einfach. Ich hoffe, das ein bisschen zu hören hilft in Momenten, in denen man mit negativem konfrontiert ist. Ich habe mehrmals gedacht: „Wow, was für ein krasser Enthusiasmus, was für eine Stärke zu so viel Offenheit zu kommen und so all diese Scham zu überwinden, die man irgendwie internalisiert hat.“

Wir müssen darüber reden!

Waldspaziergang zu veröffentlichen war ein riesengroßer Schritt für mich. Von der Geschichte wusste fünf Jahre lang niemand, bevor ich sie in Textform aufgeschrieben habe. Mittlerweile habe ich begriffen, dass die Klitoris nicht nur mit Lust zusammenhängt, sondern auch mit Schmerz und mit sexualisierter Gewalt. Diese Themen sind so eng miteinander verknüpft und durch klebrige Scham bewegungslos gemacht. Deshalb sage ich JA zur Klitoris und NEIN zur sexistischen Kackscheiße!

ja

Keine Schuld, keine Scham, kein Tabu!

Wie wollen wir über Missbrauch reden, wenn das Thema Sexualität tabu ist? Wie ist es möglich, dass sogar auf Freiburger Kleinkunstbühnen Witze mit der Pointe „(…) dass du mir endlich einen bläst“ gerissen werden und man dafür auch noch einen Preis (den ersten Preis!) bekommt? Ich habe keinen Bock mehr auf sexistische Kackscheiße!Du hättest ja nein sagen können.“ „Du hättest halt aufpassen müssen.NEIN! Was für Sätze man nicht hören möchte, fasst Luisa prima zusammen. Unter dem Motto: Keine Schuld, keine Scham, kein Tabu! hat sie eine ganze Reihe an sehenswerten YouTube Videos gemacht:

Sexualisierte Gewalt: „Du kannst ja nichts dafür Einzelkind zu sein. Wäre es dir passiert, wenn du Brüder hättest?“ 🤔

Diese Nachricht erreichte mich erst kürzlich und bringt mich zum Nachdenken. Nein. Ich bin mir leider sicher, dass es jeder und jedem passieren kann. Dafür habe ich viel zu viele Geschichten gehört. Das macht doch keinen Sinn, nur weil man Brüder hat, kann man doch trotzdem Grenzverletzungen erleben.

Diese Nachricht macht mich traurig, denn es hat verdammt viel Mut gekostet meine Geschichte online zu veröffentlichen. Ich habe acht Monate lang darüber nachgedacht und es nur gemacht um zu zeigen:

Es geht uns alle an! Es betrifft uns ALLE!

Sexualisierte Gewalt findet auch in Beziehungen, oder in Familien statt, nicht nur wie in dem beschriebenen Waldspaziergang. Ich zwinge ja niemanden eigene Geschichten zu veröffentlichen, aber mir zu sagen, dass wäre nicht passiert wenn ich Brüder gehabt hätte, ist absolut daneben.

Es ist sehr, sehr einfach über andere zu urteilen: Ich hätte nein gesagt/ Mir wäre das nicht passiert/ Ich wäre weg gegangen.“ Das bringt uns kein Stück weiter, sondern macht Erlebende von sexualisierter Gewalt nur noch mehr zu „Opfern“, die sich anders hätten verhalten sollen.

Ich bin Mensch, ob mit oder ohne Brüder und es wird immer andere Menschen geben, die meine Grenzen verletzen.

Ich habe sehr viel aus der Erfahrung, die ich in Waldspaziergang gemacht habe gelernt, aber ich würde niemals behaupten, dass mir sexualisierte Gewalt nie mehr passieren wird oder kann. Das ist leider nicht die Realität.
#schweigenbrechen

Celebrating diversity! The future is inclusive

Es tut sich was, in mir und in allen anderen. „Celebrating diversity! The future is inclusive“, sagt Hilde Atalanta in ihrem Video zur Vulva Vielfalt. Das hört sich doch nach einem Plan an!

 

 

Kein Bock mehr auf sexistische Kackscheiße?

Die goldene Klitoris braucht deine Hilfe!

Legend

Eine großartige Aktion auf Instagram von @gangduclito

Liebe Menschen mit und ohne Einhornhintergrund, die Klitoris braucht EURE Stimme! Es geht um SO viel mehr als nur Feenstaub! Mit meinem Wake Up Comedy Programm zur Klitoris beim Kleinkunstpreis in Freiburg habe ich einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Das war alles andere als leicht!

Klitoris, Penis, Scheide/Schwert und Orgasmus, das sind keine Worte die man normalerweise auf Bühnen sagt. Warum eigentlich nicht? Das Programm hat schon jetzt so viel Gutes bewirkt und Menschen zum Nachdenken gebracht, dass ich unbedingt weiter machen möchte. Ihr könnt mir dabei helfen!

Beim Online-Voting der Biennale stehen 61 Bewerber*innen im Rennen. 👀Puh! Was für ne Konkurrenz! Nur mit eurer Hilfe kann die Wake Up Comedy mitsamt Klitoris Einhörnchen im Mai dort auf die Bühne kommen! 🦄😊 Bitte gebt deshalb einen Daumen hoch auf der Website der Biennale. DANKESCHÖN! ❤ Die Klitoris ist keine Erbse, keine Brezel, keine Legende und kein Pokémon. Flieg Einhörnchen, flieg! 

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(Foto: © Hanno Müller)

IN VIER KLICKS ZUR KLITORIS:

  1. Website der Biennale öffnen: https://www.biennale-sindelfingen.de/online-voting/
  2. Anmelden und Abstimmen: auf Facebook klicken
  3. Video in der Übersicht finden: Kategorie Comedy „Die Klitoris- das geflügelte Einhörnchen!“
  4. Daumen hoch! (Der Daumen wird dann rot, stimmt so!)
  5. Geschafft!

Das Online-Voting ist nur bis zum 30. März geöffnet. Danach kommen 24 Beiträge in die engere Auswahl, von denen 12 durch die Jury in den Wettbewerb gewählt werden.

Ihr habt keinen Bock mehr auf sexistische Kackscheiße? Ich auch nicht! Lasst uns gemeinsam Comedy verändern und das geflügelte Einhörnchen promoten. Ich freue mich sehr über eure Unterstützung! Jede einzelne Stimme zählt.

Es ist Zeit…

Warum ich das mache? Ganz einfach, weil es Zeit ist aus dem genitalen Winterschlaf aufzuwachen, Zeit die Anatomiebücher zu ändern, Zeit die Klitoris so selbstverständlich zu kennen wie alle anderen Organe, Zeit endlich mit dem Tabu der weiblichen Lust zu brechen. #FemalePleasure läuft im Kino, weltweit kämpfen Aktivistinnen für die weibliche Sexualität und ihre Freiheit! Auf was warten wir noch?

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(Foto: © Max Erb)

Seid mutig und teilt diesen Artikel, damit möglichst viele Menschen beim Online-Voting mitmachen können. SCHANKEDÖN!!!

Wer übrigens die neue uniTV Sendung einBlick #2 – Von Tabus, Protesten und Aufklärung noch nicht gesehen hat, findet dort ab Minute 5:05 das 3D Modell der Klitoris wieder und ziemliche viele, ziemlich ahnungslose Studierende. Der Beitrag „Hallo Klitoris!“ ist hier direkt zu finden.

Liebe Grüße und danke für eure Unterstützung,

Jorinde