Das ist eine Lüge! #100jahrenixpassiert

Das ist eine Lüge!“, platzt es laut aus einem Bekannten raus, als wir gerade friedlich den Wake Up Comedy Beitrag zur Klitoris anschauen. Im Video geht es bei (Minute 9:18) um das Frauenwahlrecht in der Schweiz. „Das Frauenwahlrecht in der Schweiz wurde nicht erst nach 1970 eingeführt, das ist eine Lüge!“, wiederholt er mit Nachdruck und wirkt dabei wie ein Dampfkochtopf der gerade explodiert.

Mein lieber Herr Gesangsverein, nach gründlichen Recherchen meinerseits zur Geschichte der Eidgenossen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es vor dem Jahre 1971 tatsächlich kein Frauenwahlrecht in der Schweiz gab und ebendieses Frauenwahlrecht sogar erst 1990 in allen Kantonen eingeführt wurde. Wie schön, dass du mir deine „Meinung“ gesagt hast! Sie ist zwar falsch, aber es hätte ja echt sein können, dass ich mich auf der Bühne plötzlich um ganze 50 Jahre verrechne, einfach weil ich zu blöd dazu bin.

LÜGE! Hallt es in meinem Kopf nach. Ja klar, das ist alles eine LÜGE. Ich stelle mich nämlich gerne auf Bühnen und erzähle LÜGEN, die Klitoris wurde jahrhundertelang vergessen LÜGE, westliche Ärzte haben Genitalverstümmelungen in Europa durchgeführt LÜGE, den vaginalen Orgasmus gibt es nicht LÜGE, Sigmund Freud hat sich geirrt LÜGE und Frauen können witzig sein LÜGE und sie können recherchieren und lesen LÜGE und überhaupt mag ich es LÜGE zu rufen, wenn ich meine es besser zu wissen, obwohl ich keine Ahnung habe. LÜGE ZU ENDE!

EinemussdenJobjamachen

100 Jahre Frauenwahlrecht 

Am 19. Februar 2019, genau vor 100 Jahren, hielt Marie Juchacz als erste Frau eine Rede im Deutschen Parlament. „Marie Juchacz? Nie gehört!“, sagt ein angehender Volkswirt in einem Kurs. „Ging mir ähnlich, man hört ja auch wenig von Frauen in der Geschichte.“, sage ich. „Interessiert mich aber ganz ehrlich auch einfach nicht. Die hat die erste politische Rede als Frau gehalten? Ich weiß ja auch nicht wer die erste Transgender Person war, oder so.“

Alles klar, dafür habe ich volles Verständnis. Ich weiß auch nicht wer als erster Mann auf dem Mond gelandet ist, wer welchen Krieg angefangen hat, wer zur deutschen Demokratie beigetragen hat. Habe ich alles total vergessen, wer braucht schon Geschichte, warum lesen wir überhaupt Zeitung. Was soll das Ganze? Warum haben wir eigentlich das Frauenwahlrecht eingeführt? Wer hat sich das ausgedacht und kann man das wieder abschaffen? (Warum kommt meine Ironie nie durch?)

#100jahrenixpassiert

100 Jahre Frauenwahlrecht: Was würde Marie Juchacz sagen, wenn sie im Jahr 2019 eine Rede halten würde? Welche gesellschaftlichen Fragen beschäftigen uns seit 1919 und können sich die Dinge ändern?

Diese Fragen habe ich in einem Wettbewerbstext beantwortet, der wohl etwas zu politisch, fordernd und klitastisch war, als dass er einen Preis gewinnen könnte.

Viel Spaß beim Anschauen der Zeitreise von 1919 nach 2019:

 

Packt eure Vulven wieder ein! NÖ!

Ich habe nicht die Absicht diesen Artikel zu löschen. 

Seit dem Sommer mache ich bei einer  Redaktion mit. Die Atmosphäre dort ist super, wir arbeiten in freien Gruppen, haben Zugang zur Technik und produzieren unsere eigenen Beiträge. Meine Idee eine Straßenumfrage bei Studierenden mit dem 3-D Modell der Klitoris zu machen wurde gut aufgenommen. Es gab keine komischen Blicke, keine Witze, sondern ehrliches Interesse und Unterstützung. Wie es der Zufall so will, gab es schon vor meiner Mitarbeit den Plan ein großes Projekt mit dem Titel „Viva la vulva!“ zu starten, das kurze Zeit später zu „V!“ und dann „V! Sex, Menstruation, Verhütung“ umbenannt wurde. So weit so gut.

Vulva-Bastel-Workshop

Im Dezember wurde ein Bastel Workshop veranstaltet, an dem die Teilnehmer*innen aus Salzteig Vulven basteln konnten. Ich hasse Salzteig, damit habe ich noch nie gerne gebastelt und irgendwie fragte ich mich zu der Zeit, ob es das wirklich braucht: Vulven aus Salzteig basteln! Braucht es denn wirklich so viel Aufmerksamkeit für das weibliche Geschlecht? (Die Antwort ist JA!) Denn was beim Vulva-Bastel-Workshop rauskam, war vor allem das große Unwissen, welches über die Anatomie der Vulva herrscht. Das ist ja auch kein Wunder! Vulven sind so unterrepräsentiert in der Kunst, in Zeichnungen und in der Öffentlichkeit, dass selbst Frauen sich schwer tun sie zu zeichnen, ihre eigene Vulva anzuschauen, geschweige denn wieder zu erkennen. Wie es ist eine Vulva aus Salzteig zu basteln. (ein Artikel von Adele Kopsidis, 18.12.2018, Fudder)

Dieses Fotoprojekt verdeutlicht: Die eigene Vulva zu akzeptieren und schön zu finden ist keine Selbstverständlichkeit, im Gegenteil.

Warum das Ganze?

Warum zur Hölle sollte man eine Vulva zeichnen können?“, mag man sich fragen. Ganz einfach, weil wir alle ein bestimmtes Bild einer Vulva im Kopf haben, welches mit der „Vulva-Wirklichkeit“, wie sie in diesem Video gezeichnet wird von Hilde Atalanta (Gründerin der Vulva Gallery) rein gar nichts zu tun hat.

10 Gründe für die Vulva:

Solange es „normal“ ist, dass das Vulva Schönheitsideal (klein, unscheinbar, glatt, rasiert) nur bei operierten Pornodarstellerinnen gefunden wird, welches die anatomische Form eines 8-jährigen Mädchens hat, solange Intimchirurg*innen fetten Profit mit medizinisch nicht zu rechtfertigenden Operationen im Intimbereich bei Frauen machen und diese Sparte der Schönheitsindustrie boomt, solange eben jene Intimchirurg*innen auch in Deutschland minderjährige Mädchen (mit Einwilligung der Eltern) operieren dürfen, solange wir noch immer von „Schamlippen“ sprechen und nicht das Wort Vulvalippen benutzen, solange sich der sprachliche Unterschied zwischen großen und kleinen Schamlippen hält, obwohl die inneren Vulvalippen in fast 50% aller Fälle größer sind als die äußeren und der Unterschied zwischen groß und klein somit falsch ist, solange die Klitoris eher für ein Pokémon, oder ein Oktopus gehalten wird, als für das primäre weibliche Geschlechtsorgan, solange ebendieses primäre Geschlechtsorgan nicht genauso selbstverständlich wie der Penis, der Uterus und die Eierstöcke in anatomischen Zeichnungen abgebildet ist, solange sich Frauen und Mädchen vor ihrem eigenen Geschlechtsteil schämen und ekeln, solange sich der Mythos und das Wort des sogenannten „Jungfernhäutchen“ hartnäckig in den Köpfen der Menschen hält und für viel Verwirrung, Angst und Terror sorgt, solange Genitalverstümmelung bei 200 Millionen Frauen und Mädchen auf dieser Welt ein riesengroßes Thema, Trauma und Problem ist, solange müssen wir uns wohl damit abfinden, dass Vulven aus Salzteig zu basteln eine gute Aktion ist, die uns (hoffentlich!) zum Nachdenken bringt.

Denn wie wollen wir über all diese Themen reden, wenn wir nicht einmal die Basics der Vulva kennen und wissen wie Frauen „da unten“ aussehen? Wie soll das gehen? (großes FRAGEZEICHEN)

Es gab also einen Tag im Dezember, an dem die Vulven aus Salzteig (in pink, rot und mit Glitzer!) auf einem Regal in der Redaktion lagen und mich ehrlich gesagt mehr an moderne Kunst, als an anatomisch korrekte Vulven erinnerten. Was auch immer man von Vulven aus Salzteig halten mag, sie machen aufmerksam auf die Themen, die wir ansprechen wollen: Weibliche Sexualität, Gleichberechtigung, sexpositive Aufklärung in der Lust und Liebe, freies und kritisches Denken Platz haben.

Tja. Und dann erreicht mich eine Nachricht, die ich in indirekter Rede wiedergeben werde, da keine Interna veröffentlicht werden dürfen. Vielleicht habe ich mir den ganzen Quatsch ja auch nur ausgedacht, jeder darf sich seine eigene Meinung bilden. Mir liegt es jedenfalls fern einzelne Personen durch den Kakao zu ziehen, sondern ich möchte einzig und allein auf die Aussage aufmerksam machen, um die es im weiteren Verlauf des Artikels gehen wird.

Es wurde in der Nachricht gemeldet, dass eine Führung für wichtige Menschen, VIP Spitzen anstehe und bitteschön keine „offending Sachen“ zu sehen sein sollten wie: „Flaschen, Geschirr, Vulvas oder Kaffeeflecken“.

Ich fühlte mich provoziert und irgendwie ging mir der leicht herablassende Ton der Nachricht gehörig auf die Klitoris (meine neue Redewendung, anstatt „es geht mir auf die Eier“ zu sagen). Deshalb schrieb ich ohne lange nachzudenken die Antwort „Habe meine Vulva schon weggeräumt, danke für die Info!“ in den Chat und es taten mir zwei Kolleginnen nach: „Meine ist auch weg.“ „Meine habe ich auch schnell weggepackt.

Nur ein blöder Spruch?

Man darf ja wohl noch Witze machen.“ „Ja, schon. Darf man, aber wer dumme Sprüche raushaut, muss auch mit der Antwort leben können.“ Wer Flaschen, Geschirr, Vulva(s) und Kaffeeflecken in einem Satz zusammenbringen kann mit der Bezeichnung „offending Sachen“, neudeutsch für beleidigende Dinge, der muss auch mit etwas satirisch angehauchten Gegenwind rechnen. Meinungsfreiheit und so. Wir leben ja nicht in China.

Aufräumen

Leute räumt eure Vulvas bitte weg! V.I.P. Penisse kommen zur Visite. Falls ihr eine Klitoris habt, lasst sie am Montag (16:30-18:00) bitte zuhause. Die machen nur Ärger und Krawall! DANKESCHÖN!“

Meine Vulva ist aufs Regal gehüpft

Die Aufforderung, dass bei der großen Chefvisite keine Vulven rumliegen sollten (was ja sowieso nur an einem einzigen Tag der Fall gewesen war und kein Normalzustand in der Redaktion ist!) brachte meine Ideen erst richtig ins Rollen: „Meine Vulva ist aufs Regal gehüpft. Jetzt kann ich die nicht mehr einfangen!“ Was wäre eigentlich so fatal daran, wenn wichtige Menschen während einer Führung durch die Redaktionsräume Vulven aus Salzteig zu Gesicht bekommen würden? Sollen wir unsere Arbeit etwa verstecken und weiter wie bisher diese Themen klein halten? Sollen wir uns schämen für das was wir machen? Ist es lächerlich? (Die Antwort ist NEIN!)

#FemalePleasure

Es ist nicht lächerlich über Vulven und die weibliche Sexualität zu sprechen, ganz im Gegenteil: Es ist notwendig! Ich finde es übrigens völlig in Ordnung, dass manche Menschen mit dem Thema Scham verbinden, dass sie überfordert sind und sich schwer tun darüber zu reden. Es ging mir ja bis vor kurzem nicht anders. Ich habe jedoch kein Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die dieses Thema nicht ernst nehmen und denken: „Geht mich doch nichts an!“, oder „Diese Spinner beschäftigen sich mit Sexualität. Aus dem Alter bin ich raus!“ Spätestens seit dem Dokumentarfilm #FemalePleasure von Barbara Miller bin ich überzeugt davon, dass es uns ALLE etwas angeht und das wir so viel verbessern können, wenn wir das Thema laut halten.

Viva la vulva! 

Ich habe eine Klitoris (in 3D)

Lecker schmecker Klitoris

Ich habe eine Klitoris und ich trage sie immer bei mir. Genau genommen habe ich zwei Klitori (ja wie eigentlich?!) Klitorisse, Klitoranten, Klitorae, Klitoren, eine echte und eine aus Plastik. Als ich im Sommer 2018 die wahre Größe der Klitoris entdeckte, wollte ich mir bildlich veranschaulichen wie sie aussieht und bastelte deshalb kurzerhand eine Klitoris aus Marzipanmasse. Dieses Meisterwerk konnte ich nicht für mich behalten und schickte einem Freund ein Foto davon.

MarzipanKlitoirs

Ich bastel doch auch keinen Penis aus Marzipan und schicke dir dann ein Bild.“, schrieb er empört zurück und ich erwiderte beschwichtigend: „Nein, das tust du nicht, aber dafür wissen wir beide wie ein Penis in etwa aussieht, ganz ohne Modell.“ Aus dem Marzipanmodell wurde wenig später ein Tonmodell (ich war ja nicht umsonst mal ein Jahr lang auf der Waldorfschule), bis ein Informatiker Freund meinte: „Was bastelst du da im Jahr 2018 noch mit Ton rum? Druck das Ding doch aus!“ „Tolle Idee.“, sagte ich. „Nur wo druckt man sowas?“ „An der Uni ist das sicher möglich!“, sagte er.

Tonklitoris

Wo druckt man eine Klitoris?

An der Uni? Eine Klitoris drucken? Gott bewahre!“ Als Alternative fand ich sehr schnell das FreiLab in Freiburg und bekam auf meine Anfrage, ob ich das 3D-Modell der Klitoris dort drucken dürfte ein: „Ja klar komm vorbei!“ Es kostete ganze 30 Cent und die Blicke der interessierten Männer, die stundenlang rätselten, was da gerade gedruckt wurde, waren unbezahlbar. Die Lizenz für das 3D- Modell ist übrigens seit 2016 von der Französin Odile Fillod zum freien Download ins Netz gestellt. Sie wollte damit vor allem bewirken, dass Lehrer das Modell ausdrucken und in den Aufklärungsunterricht einbauen. Sehr wahrscheinlich gibt es an französischen Schulen weitaus mehr 3D Drucker, als es ausgedruckte Klitoris Modelle gibt. Schade, dass die Klitoris noch immer (aber nicht mehr lange!) so unbekannt und peinlich ist.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Das ist ja krass!

Es ist immer wieder herrlich für wie viel Erstaunen das 3D Modell der Klitoris sorgt und wie neugierig es macht! „Wie liegt die genau im Körper? Ist sie wirklich so groß? Und wo ist jetzt der G-Punkt?“ Diese Fragen würde man sehr wahrscheinlich nie stellen, wenn man nicht gerade eine Klitoris in der Hand hält und sich ganz neue Fragen wie von selbst stellen. „Das kann ich jetzt nicht glauben.“, sagte Miriam, die ich kennen lernte, weil ihr kleiner Hund Bruno spät am Abend in einem Hof Rambazamba machte und danach nicht genug Streicheleinheiten von mir bekommen konnte. Knuffiges Kerlchen. „Das ist ja krass und die wurde echt erst 1998 erforscht?“, fragt Miriam nach. „Im Prinzip wurde sie schon im 16. Jahrhundert erforscht, aber man hat sie wieder vergessen und später auch zensiert.“, sage ich. Eine andere Frau auf einer Parkbank meinte kopfschüttelnd: „Das ist alles eine Machtfrage. Wenn es nicht um Macht und Unterdrückung gehen würde, dann wäre das Organ längst in allen Büchern gelandet. Toll, dass du darüber aufklärst, ich schreibe mir mal deinen Blog auf.“

Die Klitoris muss an die frische Luft

Ich unternehme jedenfalls seit längerem ausgedehnte Spaziergänge mit meiner Klitoris (in 3D, die andere hat keine Wahl und ist inkognito auch mit dabei) und lasse sie an die frische Luft, damit sie die Welt sieht und die Welt sie sieht.

Wolkenbild

WIE WO WAS weiß OBI

Besonders wohl gefühlt hat sie sich übrigens bei OBI, da schmiss sich die Klitoris in Schale und ließ ihren ganzen Einhorn Charme spielen.

OBI

Auf die Frage „Was ist das?„, antwortete eine Studentin aus Freiburg bei einer Straßenumfrage: „Blumenzwiebel!“ Knapp daneben, aber diese „flower bulbs“ im PINK PACK sehen der Klitoris schon zum Verwechseln ähnlich:

flowerbulbs

Selbst in der Lampenabteilung von OBI glänzt die Klitoris in schwarz weiß:

schwarzweiß

Wem das alles zu bunt ist, dem muss ich leider sagen: „EINE muss den Job ja machen!“ Hab ich ne Wahl? Wer spricht öffentlich über die Klitoris? Wo bleiben die korrekten Zeichnungen in allen Büchern?

EinemussdenJobjamachen

Wer mehr auf Selbstgebasteltes steht, kann sich in diesem Einhorn Bastelbuch Inspiration holen und sich nach Belieben künstlerisch austoben:

Einhornbastelbuch

Klitoris WAHNSINN?

Das ist doch nicht mehr normal. Klitoris hin oder her… Man sieht doch auch keine Penismodelle in der Öffentlichkeit!“ Stimmt (zum Teil, wenn man Kunstgemälde, Statuen und Exhibitionisten ignoriert), aber würde man den Penis auch nur als 3 Zentimeter kleinen Wurmfortsatz zeichnen und niemand hätte auch nur einen blassen Schimmer über die echte Anatomie des Penis, dann wäre ich wohl ähnlich fasziniert von einem Penis 3D Modell. Odile Fillod plant übrigens eine vollständiges Penis 3D-Modell, weil sie auch dort Aufholbedarf sieht.

WarumWarum ignorierst du mich?

Zu viel Risiko!

Ich werde nicht müde werden über die Klitoris zu reden, denn an ihr hängt so viel! „Das ist unmöglich!“, sagt die Angst. „Zu viel Risiko.“, sagt die Erfahrung. „Macht keinen Sinn.“, sagt der Zweifel. „Versuch es mal.“, flüstert das Herz.

Mut ist wenn man’s trotzdem macht!

ZuvielRisiko

Klappe halten?

Die Klappe halten kann ich, aber nur für einen guten Zweck. Am 6. Februar zum Beispiel habe ich mit großem Vergnügen die Klappe im Produktionsstudio von uni.tv gehalten und war live bei der Aufzeichnung der zweiten Sendung von einBlick mit dabei.

Klappe

Nächste Woche wird nämlich ENDLICH mein Beitrag zur Klitoris bei uni.tv in der Sendung einBlick #2 zu sehen sein mit Charlotte als Moderatorin. Es geht um Tabus in der Gesellschaft und ehrlich gesagt bin ich gespannt wie ein Flitzebogen! 🙂

uni.tv

 

Zicke Zacke Einhornkacke!

„Warum machst du das eigentlich?“

Fragt mich jemand. „Was genau meinst du?“ „Na das mit dem Einhörnchen. Du weißt schon.“ „Achso, dass ich über die Klitoris rede?“ „Ja genau, ich meine kämpfst du gegen irgendetwas an?“

Kleinkunstpreis8(Foto: © Hanno Müller)

Wake Up Comedy insbesondere das erste Programm über die Klitoris alias das geflügelte Einhörnchen, soll vor allem Spaß machen und unterhalten. Ich kämpfe an gegen die allgemeine Unwissenheit und Sigmund Freud, den habe ich auch ein bisschen auf dem Kieker. Das alles mache ich vor allem, weil es mir wahnsinnig viel Spaß macht! Vieles was mit dem Thema Klitoris zu tun hat, ist aber auch einfach überhaupt NICHT witzig und macht mich wahnsinnig wütend. Man kann zum Beispiel nicht über die Klitoris reden, ohne Genitalverstümmelung (auf English FGM= Female Genital Mutilation) zu thematisieren. Ich glaube, dass meine Motivation dadurch begründet ist, dass durch mehr Wissen und Aufklärung zur Sexualität so viel Gutes geschehen könnte und wir darüber reden müssen!

Was für ein Theater!

Beim bunten Abend der Theatergruppe Spieltrieb durfte ich die zweite Version des WAKE UP Comedy Programms noch einmal auf die Bühne bringen. Dank tatkräftiger Unterstützung eines Teams von UniTV habe ich neues Filmmaterial bekommen und konnte dieses Video machen. Viel Spaß dabei!

Zicke Zacke Einhornkacke

Ich gehe mir selbst manchmal auf den Geist mit dem Einhorngedöhns, das ich mir selber ausgedacht habe. Das geflügelte Einhörnchen ist aber schneller als ich gucken konnte eine zentrale Figur geworden.

Geflügeltes Einhörnchen

Man munkelt lieber „Jorinde und ihr geflügeltes Einhörnchen“ als „Jorinde und die Dings.. die ähm.. die Sphh.. die Phsss… Klitoris Sphinx“. (Insider von Bodo Wartkes Ödipus) Das Einhörnchen ist nur deshalb so wichtig, weil wir uns noch schwer tun die Klitoris als ganz normales Körperteil anzusehen, dessen Anatomie keine Überraschungen mehr übrig hält. Nase, Ohr, Bauch, Penis. Das ist doch auch alles halb so wild! Wie oft hat man diese Wörter schon einmal gehört, gesehen und gelesen?

Einhörnchen

Klitoris? Nee die gibt’s hier nicht.

Solange Anatomiebücher aus dem Jahr 2018 sich bei der Frau immer noch auf die Fortpflanzungsorgane beschränken und am Ende des Tunnels ein liebloser Strich mit der Beschriftung „Vulva“ hingeklatscht wird, solange werde ich weiter Rambazamba machen. Wo ist die Blase? Wo ist die Klitoris? Hat die irgendjemand gesehen? Ach ja stimmt. Die braucht man ja nicht zur Fortpflanzung…

(Anatomie: Das faszinierende Innenleben des Menschen Hélène und Jean-Claude Druvert)

Eine Bekannte von mir hat mir neulich ein Buch gezeigt aus dem 19. Jahrhundert mit wunderschönen aufklappbaren anatomischen Zeichnungen von Mann und Frau. Beim Mann sind die Geschlechtsorgane mit einem aufklappbaren grünen Blatt verdeckt und die Frau ist in ein Tuch gehüllt. Die Zeichnungen, die beim Aufklappen zum Vorschein kommen, sind fast identisch mit den Zeichnungen von heute. 100 Jahre unverändert.

Ein riesengroßer Skandal

Seit ich angefangen habe Recherchen über die Klitoris anzustellen, bleibt mir immer wieder kurz die Luft weg, bevor sie sich mit einem Wutschnauber entlädt, der mir selbst manchmal ungeheuerlich ist. Momentan lässt mir die Intimchirurgie, auch Female Genital Cosmetic Surgery (= FGCS) keine Ruhe. Da schneiden Ärzt*innen in Deutschland in aller Seelenruhe an weiblichen Genitalien rum, brauchen dafür keine Richtlinien oder eine Ausbildung, haben keine Auflagen ab wann ein Fall ein medizinisch notwendiger Fall ist und operieren sogar Mädchen unter 18 Jahre. Auch 13-Jährige kommen unters Messer. Eigentlich ein riesengroßer Skandal, aber wer guckt hin?

Schni-schna-schnappi: Das wilde Schnibbeln

Hier sind die gängigen Operationstechniken bei sogenannten Labioplastiken: http://www.schamlippenverkleinerung.de/ Ich bekomme beim Lesen immer wieder Wutanfälle und das zu Recht. Bezieht man sich auf die Definition der World Health Organisation WHO zum Thema Female Genital Mutilation, dann liegt im Fall der sogenannten „Schamlippen Verkleinerung“ im Fachterminus Labioplastik, oder wie es Intimchirurg*innen es auch dreist nennen „Schamlippen Korrektur“, eine Verstümmelung zweiten Grades vor. Trotzdem schnibbeln die Intimchirurg*innen was das Zeug hält.

Die Intimchirurgie ist ein boomender Teil der ästhetischen Chirurgie, verkauft und vermarktet wird das alles mit dem Recht auf Selbstbestimmung des Körpers und mit einem Versprechen das sexuelle Empfinden der Frauen zu verbessern. Außen vorgelassen werden die psychischen Probleme der Patientinnen, der unglaubliche Leidensdruck, der durch „Idealbilder“ aus Medien und Pornos entsteht und vor allem die fehlende Garantie auf eine Operation ohne langfristige und irreparable Schäden. Es ist pervers und es ist meiner Meinung nach höchst kriminell und es steckt verdammt viel Geld dahinter. Mehr dazu in diesem lesenswerten Artikel von Susanne Donner: „Genitalverstümmelung oder Schönheits-Op. Legal beschnitten“

„Weil die ästhetische Praktik erlaubt und die traditionalistische Variante geächtet oder verboten ist, besteht die große Gefahr, dass sich die Genitalverstümmelung unter dem Deckmantel der Ästhetik ausbreitet.“, sagt die Schweizer Soziologin Dina Bader. (Der Tagesspiegel, 04.10.2018)

Female Genital Mutilation, „Intimchirurgie“ wir nennen es nur anders, das Resultat ist in vielen Fällen das gleiche. Nicht immer wird bei Genitalverstümmelung die Klitoris  komplett abgeschnitten. Es ist grundsätzlich aus Schutz von Frauen verboten im Genitalbereich zu operieren und jegliches Gewebe zu entfernen, wenn es keinen medizinischen Grund hat. „Korrektur“ wo es nichts, aber auch überhaupt nichts zu korrigieren gibt. Die Vielfalt von Vulven sieht so aus: (The Vulva Gallery von Hilde Atalanta)

Gesunder Menschenverstand: Mangelware

Wir glauben Genitalverstümmelung gehöre in Deutschland der Vergangenheit an? Ja? Wirklich? Wie erklärt man dann mit gesundem Menschenverstand Eingriffe im Genitalbereich, die medizinisch absolut nicht zu rechtfertigen sind? Wie begründet man die Tatsache, dass Intimchirurg*innen munter auf ihren Webseiten werben dürfen mit Beiträgen, die an Satire erinnern, aber leider bitter ernst gemeint sind? Wie kann es überhaupt legal sein, dass diese Ärzt*innen medizinisch falsche Informationen zu Werbezwecken nutzen dürfen? „Jungfernhäutchen durch Tampon kaputt? Wir können helfen!“ (So ein BLÖDSINN! Ein Hymen geht nicht durch ein Tampon „kaputt“, wie kann man IHNEN helfen das zu verstehen? Was haben Sie studiert? Mythenkunde oder Medizin?)

Wo sind eigentlich die Jugendschutzgesetze über die 2013 einmal diskutiert wurde? Warum dürfen solche Eingriffe mit Einwilligung der Eltern an Jugendlichen durchgeführt werden?

Viele offene Fragen auf die ich noch immer Antworten suche.

Frohe Weihnachten

Frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2019, in dem viel ins Rollen kommt, das wünsche ich euch!

Jorinde

 

 

Vagina, Vulva, alles Hähnchen, alles Tofu?

Viva la vulva!

Noch vor wenigen Monaten hätte ich gefragt „Viva la was?! Vulva?“  Heute kann ich den ganzen Vagina Quatsch nicht länger akzeptieren. Ich bin froh, dass ich die Vulva als Bezeichnung des äußeren Teils der weiblichen Geschlechtsorgane mitsamt Vulvalippen und Klitoris neu entdeckt habe.

vulva1.jpg

Seit ich das Wort Vulva kenne, sträuben sich mir alle Haare wenn ich Vagina anstatt Vulva höre: Die Vagina rasieren, Vagina Kunst, Vagina Vielfalt, Vagina Vagina Vagina. Es kommt mir aus den Ohren raus. „Hört auf.“, denke ich. „Was soll das?“ Warum benutzen wir ein Wort, dass sich einzig und allein auf einen Muskelschlauch bezieht, der die Verbindung zur Gebärmutter ist?

Scheide-für-männliches Schwert

Das deutsche Wort für diesen Muskelschlauch, nämlich Scheide ist auch nicht viel besser. Scheide ist irgendwie innen und außen zugleich und von der Form her hohl und sie wartet sehnsüchtig auf ihr Schwert. Schwert? Ja Schwert! Wer Scheide sagt, darf auch Schwert sagen! Nie gehört? Das ist dieses umgangssprachliche Wort für Penis, das sagt man so. Schwert umschreibt das Wort ganz gut: Schwert-für weibliche-Scheide. Ne Moment? War das nicht andersrum?

Scheide

Viva la vulva!

Die Schwedische Firma „Libresse“ zeigt in diesem kunstvollen Video wie kreativ man die Vulva darstellen kann. Am Ende kommen verschiedene Frauen zu Wort:

What is the perfect vagina?“  „How many vaginas these women have seen?“ „I can’t say I have ever seen another womens vagina.“ 

Wir haben Worte und wir sollten sie nutzen! Vagina und Vulva ist nicht dasselbe. „Alles Hähnchen, alles Tofu.“, wie das Känguru sagen würde. Das ist einfach totaler Blödsinn! Auch wenn das Wort „Vagina“ sich tief in unseren Sprachgebrauch eingegraben hat und „Vulva“ erst im Kommen ist, lohnt es sich dennoch beide Wörter im richtigen Kontext zu benutzen. Es kann doch wohl nicht Warzenschwein, dass wir keinen Unterschied machen zwischen den Wörtern, die jeweils zwei unterschiedliche Körperteile beschreiben. Ratzupaltuff.

Sei frech und wild und wunderbar!

Kleinkunst9(Foto: © Max Erb)

K-L-I-T-O-R-I-S

Seit Wochen habe ich an nichts anderes gedacht als an die Klitoris und wie man sie in einem Wake-Up-Comedy Format präsentieren kann. Ich schlief mit ihr ein und wachte mit ihr auf, brachte sie in Gesprächen ein und redete mir den Mund fusselig, wenn ich hörte wie Menschen auf dem vaginalen Orgasmus beharren, der sich erübrigt, sobald man die Anatomie und Funktionsweise der Klitoris kennt. Die Klitoris, das geflügelte Einhörnchen aus dem Zizazauberwald!

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(Foto: © Jorinde Wiese) Im Bild: Bestes Tanja-Einhörnchen der Welt! 

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(Foto: © Hanno Müller)

Jorinde Wiese Kleinkunstpreis 2018 Video: Die Klitoris – Das geflügelte Einhörnchen

Mein Wake-Up-Comedy Programm soll aufklären, zum Lachen bringen, unterhalten und dabei zum Nachdenken anregen!

Es ist Zeit…

Warum ich das mache? Ganz einfach, weil es Zeit ist aus dem genitalen Winterschlaf aufzuwachen, Zeit die Anatomiebücher zu ändern, Zeit die Klitoris so selbstverständlich zu kennen wie alle anderen Organe, Zeit endlich mit dem Tabu der weiblichen Lust zu brechen. #FemalePleasure läuft im Kino, weltweit kämpfen Aktivistinnen für die weibliche Sexualität und ihre Freiheit! Auf was warten wir noch?

Kleinkunst7.jpg

(Foto: © Max Erb)

K(l)einkünstler

An der Premiere der Wake-Up-Comedy, also Aufklärungskabarett mit Sensationswert, landete auch folgender Text auf der Bühne, der mit Schwung von einem Klavier Kabarettisten gesungen wurde, welcher mit einem Lächeln auf den Lippen flott reimte:

(Titel: Schnelles Liebeslied – von Florian Wagner)

„Das ist ein schnelles Liebeslied, nicht so langsam wie die andern.

Ein schnelles Liebeslied und lässt du mich nicht ran dann,

singe ich so lang bis du nicht mehr so rumzickst und endlich mit mir… (fickst) tanzt.

Bist ne super süße Maus und jetzt zieh dich endlich aus.

Und lässt du mich nicht ran, dann singe ich so lang,

dass du heute nicht mehr schläfst und mir endlich einen… (bläst) Tanz beibringst.“

Spinn ich?

Hinter der Bühne sage ich fassungslos „Das hat er nicht gesagt.“, als ich den letzten Reim höre und muss schlucken. Doch. Hat er. Die Frage ist ob es jemand gehört hat und die viel größere Frage ist, ob es jemand verstanden hat! Offensichtlich nicht, denn der Pianist gewinnt den ersten Preis. Seine bewundernswerte Klavier- und Gesangskunst sei mal hinten angestellt, für diese Zeilen hat man keinen Preis der Welt verdient und mag man noch so schön Klavier spielen.

(F)Keine Ironie?!

Auch das Publikum votierte mehrheitlich für den Musikkabarettisten, der (…) durch Originalität der Liedtexte und feine Ironie gefiel.“ (Badische Zeitung, 15. November 2018, S. 12) IRONIE? Wie soll man das bitte verstehen?

Franziska hat das Programm nach unserem gemeinsamen Auftritt in der ersten Reihe live miterlebt und schreibt: „Was mich wirklich schockiert hat war, dass er gewonnen hat und zwar beides!! Den Preis der Uni und den Preis des Publikums!“ Offensichtlich gab es sehr wohl Leute im Publikum, die genau hinhören und die mit dieser „feinen Ironie“ nicht klar kommen wollen.

Kleinkunst6

(Foto: © Max Erb) im Bild: Franziska Fischer, Drummerin des Abends 

Es hat mich geschockt zu sehen welche unreflektierte Meinung in den Köpfen der Leute steckt, selbst nach einem Vortrag wie deinem. Im Publikum waren viele, vor allem junge Menschen, junge Studenten und vor allem StudentINNEN, die das gehört haben und das witzig fanden. Denen im Laufe ihres Lebens beigebracht wurde, dass Comedy unter der Gürtellinie gegen Frauen witzig ist. Dass das in unserer Generation, die vom Feminismus der letzten Jahrhunderte profitiert, immer noch witzig ist, als originelle Comedy empfunden wird und wohl würdig genug ist auf Platz 1 gewählt zu werden. Ich glaube nicht, dass er dort wegen seines musikalischen Talents gelandet ist, auch wenn das vielleicht gut war. Es ist so wichtig, dass es Menschen wie dich gibt, die mit ihren Auftritten die Leute dazu anregen, ihre Meinung, ihre Einstellung zu hinterfragen und zu reflektieren! Auch wenn das, wie beim Freiburger Kleinkunstpreis vielleicht nicht ganz funktioniert hat. Und dann ist da die Uni, die ihren Preis an Florian Wagner vergibt… die Uni, die doch ein Ort für Weltoffenheit und fortschrittliches Denken sein soll… Diese Uni vergibt ihren Preis an Florian Wagner. Völlig unreflektiert fördert sie die Unreflektiertheit in den Köpfen der Leute, die im Publikum sitzen.“ (Franziska Fischer)

Mimimi?

Von offizieller Seite höre ich, dass wir an diesem Abend nur einen Punkt auseinander lagen und dass sich die Jury sehr schwer getan hat mit der Entscheidung. Mir wird wiederholt zum zweiten Platz gratuliert. Vielleicht wirkt es so, als ob ich mit meiner Kritik nur im Nachhinein den ersten Preis ergattern möchte. Es geht aber um viel mehr als um irgendeinen Preis! Ich hätte sehr gerne den Trostpreis in Empfang genommen, wenn die anderen Teilnehmer/innen überragend gewesen wären. Ich hätte gerne gegen Hazel Brugger, Bodo Wartke und andere Künstler verloren und danach einen Schnack mit ihnen gehalten. Es ist nicht so, dass ich nicht verlieren kann. Mit all meiner Kritik will ich ein Zeichen setzen: Schaut genau hin und vor allem hört genau hin! Nicht alles was in lustige Reime verpackt ist kann als Kunst zählen. Ich finde es absurd, dass man so einen Text überhaupt mit einem Lächeln singen kann und dass man dafür nicht hochkant von der Bühne geschmissen wird.

Verherrlichung der Vergewaltigung

What the fuck? Hat der das echt gesungen? Das ist doch Verherrlichung der Vergewaltigung.“, schreibt mir eine Freundin und ich will es genau wissen. Deshalb frage ich bei einer weiteren Freundin nach was sie von den Zeilen hält.

Marta, 11. Klasse schreibt:

Als ich heute morgen dank einer Freistunde erst um halb neun aufwachte, stellte ich erstmal, gut ausgeschlafen, mein Handy an und den Flugmodus aus.

Ich hatte drei neue Nachrichten von meiner Freundin Jorinde. „Liebe Marta“, schrieb sie mir, „Was denkst du, wenn du so etwas liest/hörst?“ Sie meinte damit die Liedzeilen von Florian Wagner:

Das ist ein schnelles Liebeslied, nicht so langsam wie die andern. Ein schnelles Liebeslied und lässt du mich nicht ran dann, singe ich so lang bis du nicht mehr so rumzickst und endlich mit mir… (fickst) tanzt. Bist ne super süße Maus und jetzt zieh dich endlich aus. Und lässt du mich nicht ran, dann singe ich so lang, dass du heute nicht mehr schläfst und mir endlich einen… (bläst) Tanz beibringst.

Ich las den Text einmal. Dann nahm legte ich mein Handy beiseite, trank einen Schluck Wasser und las ihn ein zweites Mal. Ich wollte sicherstellen, mich nicht verlesen zu haben. Las ich da etwas falsch, oder wurde in dem Text eine Vergewaltigung verherrlicht? Ehrlich gesagt war ich erstmal sehr verwirrt.

Besonders die Worte „[…] und lässt du mich nicht ran dann, singe ich so lang bis du nicht mehr so rumzickst.“ und „Bist ne super süße Maus und jetzt zieh dich endlich aus.“ trafen mich. Wann wurde dieser Text verfasst? Doch wohl nicht im 21. Jahrhundert? Und wer hatte ihn geschrieben? Obwohl sich dieser Text toll reimt, kamen in mir ernsthafte Zweifel auf, ob er wirklich von Jorinde geschrieben wurde, oder ob sie ihn extra so komisch geschrieben hatte.

Der Text passt eher zu einem aggressiven, egoistischen, selbstverliebtem Mann aus dem Mittelalter, als zu dir!“ schrieb ich ihr. Es stellte sich heraus, dass der Text natürlich nicht von Jorinde war. Das war die gute Nachricht, wenn man sie denn als gute Nachricht und nicht als Selbstverständlichkeit bezeichnen möchte.

Schlechte Nachrichten gab es auch.

Der Text war nämlich tatsächlich in diesem Jahrhundert verfasst worden. Und nicht nur das: Der Verfasser war nicht etwa Donald Trump, oder eine ähnliche Person, die dafür auch von der Öffentlichkeit missachtet würde. Nein, der Verfasser war ein deutscher Student. Ein junger Mensch, der eine deutsche Schul- und Universitätsbildung genossen hatte und den Großteil seines Lebens im 21. Jahrhundert gelebt hatte. Und der schrieb sowas. Und nein, das war natürlich noch nicht genug der schlechten Nachrichten:

Der Verfasser hat diesen Text anscheinend munter auf einer Bühne für einen „Kleinkunstpreis“ vor Publikum gesungen. Dafür wurde er nicht etwa des Hauses verwiesen, sondern gewann den ersten Preis.

Was heute morgen Benommenheit war, ist jetzt Wut.

Wie kann ein Mensch in Deutschland mit so etwas durchkommen? Und vor allem: Wie kann er bei einem KLEINKUNSTPREIS mit so etwas durchkommen?

Was für eine Art von Zeichen wollte die Jury setzen, als sie einen Studenten, der mit Texten wie „Bist ne super süße Maus und jetzt zieh dich endlich aus“ brillierte, mit dem ersten Platz auszeichnete?

Und wie kann es sein, dass ich tatsächlich diesen Artikel schreiben muss, weil eine große Mehrheit des Publikums offensichtlich nicht gemerkt hat, dass so etwas nicht „normaler Sexismus“, sondern die Beschreibung einer Vergewaltigung ist!

Auf all diese Fragen habe ich zum Glück keine Antwort. Es gibt nämlich auch keine. Der Text ist Mist und die Jury hat Mist gebaut. Punkt.

 

 

 

Ernsthaft? Schämt ihr euch nicht?

Kleinkunstpreis 2018

Freiburger Kleinkunstpreis für Studierende 2018

Guten Abend meine Damen und Herren, Herzlich willkommen zum Freiburger Kleinkunstpreis für Studierende. Sie werden nachher vier talentierte Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne sehen! Frage ans Publikum: Was studiert ihr?“ „Sport.“ „Ah, die Dame studiert Sport. Das sieht man dir gar nicht an. Nichts für ungut, aber das würde man echt nicht denken.“ Höhö. Willkommen. Hinter der Bühne gehen meine Nerven mit mir durch. Die flachen Witze, die ab jetzt im Minutentakt fallen, schwappen nur sachte in mein Ohr und jucken mich nicht stark. Heute Abend habe ich ganz andere Sorgen.

Wake-Up-Comedy hat Premiere

Zum ersten Mal stehe ich auf einer Bühne und gebe mein neues Wake-Up-Comedy Programm zum Besten. Wake-Up-Comedy? Das ist eine neue Form der Aufklärungscomedy, die wachrüttelt und Menschen aus ihrem genitalen Winterschlaf bringt. Ich habe mich vorbereitet, so gut es ging in den letzten paar Wochen, seit die Zusage zu diesem Wettbewerb kam. Die Chancen stehen gut, denke ich, denn mein Programm ist wissenschaftlich und doch witzig, unterhaltsam, aber nicht flach, voll mit Känguru Insidern und Sprachwitz, Freud-Bashing und einem Lied, das ich mit der Gitarre singen werde.

Die Klitoris – das geflügelte Einhörnchen

Ich werde mit offenen Augen und Ohren empfangen, das Publikum geht mit, krümelt sich teils laut, teils leise vor Lachen in den Stühlen. „Die Klitoris – das geflügelte Einhörnchen“ kommt gut an. Szenenapplaus nach dem Lied 99 Einhörnchen, die Stimmung ist super! Vor lauter Licht sehe ich nur die ersten Reihen. Dort sitzen ältere Semester und amüsieren sich prächtig. Was für ein Gefühl, wenn der Text, den man in mühsamer Kleinarbeit zusammengeschrieben hat, plötzlich als Ganzes auf der Bühne steht und die Pointen Leute zum Lachen bringen. Ich schaffe es keinen einzigen Witz über Frauen, oder Männer, oder Sex zu machen. Nur Sigmund Freud, den nehme ich ein bisschen auf die Schippe, aber meine verbalen Attacken landen nicht unter der Gürtellinie. Es geht, wenn man es will. (Der Kleinkunstpreis als Beitrag von UniTV Freiburg)

Nach mir kommt ein Zauberer. Er macht einen gewagten Trick, einer der im Fernsehen mal schief gegangen ist. „Moderatorin rammt sich Nagel in die Hand.“, der Beweisartikel hängt am Tisch auf der Bühne. „Klar war das die blonde Moderatorin, wer sonst wäre so doof und würde sich einen Nagel in die Hand rammen?“, denke ich mir im Nachhinein. Applaus!

Der dritte Kandidat ist ein Solo-Künstler, der Musik studiert und bereits auf zahlreichen Bühnen Deutschlands und der Schweiz mit seinem Programm aufgetreten ist. Ich frage mich, warum der Kleinkunstpreis eigentlich nicht Bodo Wartke auch eine Bühne bietet, der hat immerhin Klavier Kabarett mit niveauvollem Humor im Programm. Vielleicht ist er ja auch noch Student im 38. Semester.

Witzig / nicht witzig

Auf ein „schlechtes Lied“, so der Titel, der Text ist nicht einmal selbst geschrieben, folgen Ausflüge ins Leben des Kleinkünstlers. Ich muss ganz schön schlucken, was heute noch auf Bühnen zum guten Ton gehört. Besonders bemerkenswert war die Pointe eines Liedes, in dem der Künstler über ein Date berichtet. Eine Frau will von ihm Lieder hören, er sei ja Pianist, doch er will einfach nur mit ihr schlafen. „Noch ein Lied und noch eins!“, bittet sie und merkt plötzlich: „Du, kann das sein, dass du nur mit mir schlafen willst?“, fragt sie und die Antwort ist ein pointierter Reim, an dem man sicher lange tüfteln musste, bis er richtig passte. (Leider konnte ich mir diesen genial gereimten Satz nicht Wort für Wort merken, aber in meiner Erinnerung klang er so: „Ich will nicht nur, dass du mit mir schläfst, sondern dass du mir einen (…)“ Applaus! Hohe Kunst! Welcher Reim und erst der Inhalt! Witze auf Kosten von Frauen zu machen ist so erbärmlich und hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack, aber Applaus!

*Anmerkung (der komplette Text von Florian Wagner im Wortlaut)

„Das ist ein schnelles Liebeslied, nicht so langsam wie die andern.

Ein schnelles Liebeslied und lässt du mich nicht ran dann,

singe ich so lang bis du nicht mehr so rumzickst und endlich mit mir (fickst) tanzt.

Bist ne super süße Maus und jetzt zieh dich endlich aus.

Und lässt du mich nicht ran, dann singe ich so lang,

dass du heute nicht mehr schläfst und mir endlich einen (bläst) Tanz beibringst.“

Zizazaubershow

Der nächste Kandidat hat eine Zaubershow zu bieten, mit der er schon international auf Tour war. Sein Programm beginnt mit einer Liebesgeschichte, wie er sich in ein blondes Mädchen verliebt hat, die auf dem Bild, welches er in der Hand hält einen starken Überbiss hat und leer in den Raum schaut. Diese Angebetete wird von einer Frau im Publikum verkörpert, die sich eine blonde Perücke überziehen soll und spontan mitspielt. Sie rockt die Show und macht ohne mit der Wimper zu zucken mit. Ach wie witzig, dass dieser junge Zauberer sich in so ein Mädchen verliebt, als ob sie die schönste Göttin des Zauberhimmels sei. Applaus.

Die Jury zieht sich zur Beratung zurück.

Trommelwirbel und ein dramatischer Tusch

Nach einer überlangen Pause wird das Ergebnis bekannt gegeben. Es sei dieses Jahr besonders schwer gewesen, da in der Jury keine Einigkeit geherrscht hätte, wer den ersten Platz verdient hat. Der große Kleinkünstler des Abends wird unruhig. Wie, sein Programm an dem er so lange getüftelt hat, war etwa nicht überragend witzig genug um auf Anhieb zu überzeugen? Kurze dramatische Pause. Und der erste Preis geht an den Kleinkünstler! Jubel. Applaus.

KleinkunstpreisENDE

K(l)einkünstler auf dem ersten Platz

Ich weiß nicht was an diesem Abend bewertet wurde, aber falls es Originalität und Unterhaltungswert waren und nicht Professionalität, dann frage ich mich wirklich wie das zustande kam. Oder hat die Unterhose überzeugt? Oh wie groß wäre der Aufschrei gewesen, hätte ich mich auf der Bühne in Unterhose hingestellt. Aber Mann darf das ja. Ist ja witzig! Wenn wirklich so eine große Uneinigkeit geherrscht hat, wer den ersten Preis verdient hat, da frage ich mich, warum man nicht den ersten und zweiten Preis zusammenlegt und das Preisgeld aufteilt. Es geht mir dabei gar nicht um das Geld, sondern viel mehr um Anerkennung. Aber gut, das sind nur theoretische Überlegungen. Der werte Herr in Unterhose aus München, hat sich sicher über die leicht verdienten 500 Euro gefreut. Das Programm war ja schon letztes Jahr fertig geschrieben. Danke für den zweiten Preis, er bestätigt mich darin, dass es Zeit für eine Veränderung ist.

Nach der Show können Sie unsere Künstler noch anfassen.“, witzelt der Moderater. „Mich nicht.“, rufe ich laut dazwischen. „Na gut aber wenigstens berühren.“, schiebt er hinterher.

Sexismus als Programm

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin froh, dass es solche Veranstaltungen gibt! Ich frage mich nur wo die Fairness bleibt und warum es in Ordnung ist Frauen als Programm so runterzumachen. Das könnte man den Moderator auch mal fragen, der ist ja erfolgreich mit aufgesprungen. Richtig witzig war das! Ich würde mich übrigens freuen, wenn mir jemand eine gute Erklärung geben könnte für die Vergabe des ersten Preises an einen Kleinkünstler, der es witzig findet, dass eine Frau lacht wie ein Schwein und darüber Lieder singen kann. Es steht außer Frage, dass ich immer noch etwas dazu lernen kann und offen bin für Meinungen anderer Menschen, solange sie über der Gürtellinie bleiben.

Meinungen aus dem Publikum

„Man hat im Kontrast zu dir auch gemerkt wie „armselig“, aber leider auch gesellschaftlich anerkannt manche Sachen sind. Frauen (wenn auch irgendwie „nett“) zu verarschen mit blonder Perücke und dummen Sprüchen. Ganz zu schweigen vom Piano Männlein. Inhaltlich fand ich ihn echt bissle peinlich.“

„Es war so ein krasser Gegensatz… Da stehst du auf der Bühne, mit so viel Mut und einer so wichtigen Message und den restlichen Abend dacht ich mir… Ernsthaft? Schämt ihr euch nicht? Gerade wenn vorher so ein Text, wie von dir kommt?“

„Wirklich schade, dass sich der vernünftige Teil der Jury nicht durchsetzten konnte. Fand es übrigens auch sehr stark, wie du am Ende diesem unsäglich schrecklichen Moderator mit deinem „mich darf man nicht anfassen“ Kontra gegeben hast.“

Nächstes Ziel: Ladies Night